Gefragt nach Berufen, die ich gerne ergriffen hätte, wurde ich nicht und da mein Bruder und auch meine Cousine eben diesen Weg schon vor mir beschritten hatten, wurde ich bei der "OMI", der "Oeseder Möbel Industrie" zu einer Ausbildung als Industriekaufmann mit der Begründung: "Lern mal erst etwas Vernünftiges, dort werden sie dir die Flausen schon austreiben!" angemeldet.
| "OMI" heute |
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| Hier wird die "Sesam-Bar" gebaut |
Das erste Lehrjahr verlief schleppend, denn zuerst mußte ich lernen, wie "Buchhaltung" geht, das gefiel mir nicht, auch weil die Mitarbeiter in dieser Abteilung die "Lehrlinge" als billige Hilfskräfte betrachteten. Bald aber kam ich in den Bereich Verkauf und dort gefiel es mir schon besser, da war Leben, da waren Kunden, da gingen ununterbrochen Bestellungen ein, die dann zur Fertigung weitergegeben werden mussten. Als auch diese Zeit endete, kam ich zu "Vatter", er leitete die Versandabteilung und war der Bruder des Firmeninhabers. Seine Familie, also seine Frau und seine Tochter nannten alle Angestellten nur "Vatter", "Mutter" und "Kind", wir als Auszubildende hätten uns soetwas natürlich nicht getraut.
Welch eine Rolle spielte denn nun das Kofferadio bei dieser Geschichte?
Im Büro der Versandabteilung stand ein Kofferradio, es gehörte "Vatter" und war sein ganzer Stolz. Wenn es etwas ruhiger war, alle Touren zusammengestellt waren, die Firma hatte einen eigenen Fuhrpark, durften wir gemeinsam Radio hören, aber nur er durfte es bedienen!
Und es kam, wie es kommen musste. Eines Tages verweigerte das Radio seinen Dienst, ein Sender konnte nicht mehr eingestellt werden, das Skalenband war abgerissen. Jetzt war guter Rat teuer.
Heute weiß ich nicht mehr, welcher Teufel mich gerade ritt, als ich ihm anbot, das Gerät mit nach Hause zu nehmen, um es dort zu reparieren. Was "Vatter" nicht wusste, war die Tatsache, dass ich mir mein eigenes Radio aus verschiedenen alten Radios und einigen Ersatzteilen, bei deren Beschaffung mir oftmals mein Onkel mit einer kleinen Geldspritze geholfen hatte, selbst zusammengebaut hatte. Und Skalenband hatte ich noch ausreichend zur Verfügung. Ich nahm also das Kofferradio an mich, nicht ohne einige lautstarke Ermahnungen von "Vatter" mit auf den Heimweg zu bekommen. Das Projekt gelang und am nächsten Morgen war ich schon früh im Büro, stellte das Radio auf seinen Lieblingssender ein und tat, als er kam, vollkommen unbeteiligt. Er aber dann sehr erfreut über das wieder funtionierende Kofferradio und es war das erste und einzige Mal, dass ich von ihm eine "Danke" hörte.
Etwa zwei Monate später sollte ich zum allgewaltigen Chef kommen. Mit einem flauen Gefühl im Magen meldete ich mich im Sekretariat und wurde auch gleich vorgelassen. Hinter seinen gewaltigen eichenen Schreibtisch thronte der Firmeninhaber und forderte mich sehr freundlich auf, doch Platz zu nehmen. Mir zitterten die Knie, ein Taschentuch, welches ich in der Hand hielt, war schon schweißnaß und noch immer wußte ich nicht, was da auf mich zukommen sollte.
Nachdem der Allgewaltige sich eine dicke Zigarre angezündet hatte, sah er mich freundlich an und sagte: "Mein Bruder hat mir erzählt, Sie besäßen ein großes technisches Verständnis und seinen auch sonst von einer schnellen Auffassungsgabe und die können wir jetzt brauchen. Wir planen den Einsatz von konventionellen Datenverarbeitungsmaschinen, also erst einmal Lochkartenanlagen und ich würde mich freuen, wenn Sie uns dabei helfen könnten".
Ich war so sprachlos, dass es mir nur mit Mühe gelang, eine "Gerne" herauszustottern.
Am nächsten Tag war ich schon versetzt in die Lochkartenabteilung, Maschinen waren zwar noch nicht da, die sollten erst in drei Monaten kommen aber mich schickte man erst einmal zu einer Schulung zur IBM nach Frankfurt. Das war nicht nur meine erste Begegnung mit der IBM und deren Technologien sondern für mich war es auch der Start in eine spannende Zukunft.
Was so ein kleines Kofferradio doch alles bewirken kann!
(c) Rolf Glöckner


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