Freitag, 16. Dezember 2011

Spätvorstellung

Das war nicht erlaubt! Spätvorstellung! Und die begann erst um 22:30 Uhr! Am nächsten Tag in die Schule?  Nein! So hörte er es oftmals von seiner Mutter!  Aber die interessanten, manchmal auch schon etwas gruseligen Filme kamen doch immer erst so spät! Was also war zu tun?
Er sprach erst einmal mit seinen Freunden, von denen einige das sechzehnte Lebnesjahr schon vollendet hatten und schon mal so spät das Kino des Dorfes besuchen durften. Es wurde in einem fast konspirativen Treffen abgemacht, wie man es fertigbringen wollte, sich nach dem zu Bett geschickt werden, wieder zu treffen, ohne dabei Aufsehen zu erregen.
Der Film, der die Freunde interessierte, hieß: "Schrei, wenn der Tingler kommt" was immer auch man sich darunter vorzustellen vermochte. Man einigte sich auf ein Treffen um 22:15 Uhr am Hintereingang des Kinos. Den Vordereingang zu benutzen, erschien ihnen doch zu gefährlich, man könnte ja von regulären Besuchern erkannt werden und wenn das die Eltern erfahren würden! Es war aber noch erforderlich, den Platzanweiser, es gab nur einen in der Spätvorstellung, einzuweihen, er sollte die Gruppe durch den Hintereingang nach einem verabredeten Zeichen hereinlassen. Alles war vorbereitet, man ging seinen täglichen Verrichtungen, wie Hausaufgaben für die Schule oder Hilfsdiensten zu Hause, nach und die Aufregung stieg. Würde alles klappen?  Endlich zu Bett und das Warten begann. Gegen 21:00 Uhr, es war schon dunkel, stand er vorsichtig auf, zog sich geräuschlos an, horchte noch einmal an der Tür zum Nebenzimmer, dort schnarchte sein etwas älterer Bruder und der durfte davon überhaupt nichts erfahren, er würde es sofort der Mutter brühwarm erzählen. So, nun das Fenster geöffnet und aufs Dach gestiegen waren eins. Nun das Fenster noch vorsichtig anlehnen, auf Zehenspitzen übers Dach, über die breite Mauer und schon war er im Gebüsch des angrenzenden Waldes verschwunden. Nur noch querfeldein bis zur Hauptsraße des Ortes und er erreichte das Kino noch vor der Zeit. Seine Freunde, ähnlich aufgeregt wie er, waren ebenfalls schon angekommen. Der Älteste bekamm nun alles Geld, denn er mußte die Eintrittskarten holen und es klappte alles wie am Schnürchen. Am Hintereingang angekommen, bemerkten sie, dass die Tür nur angelehnt war und leise schlichen sie sich durch die schwere Samtportiere in den Kinosaal, welcher nur mäßig besetzt war. Der Platzanweiser wartete schon, zeigte auf die Reihe drei und murmelte ihnen zu: "Hier werdet ihr sitzen, aber verhaltet euch unauffällig, ich bekomme sonst Schweirigkeiten!" Bald wurde es dunkel im Kino und der Film, ein in der damaligen Zeit als Horrorfilm titulierter Streifen begann und das war sein Inhalt:

Der Pathologe Dr. Warren Chapin entdeckt, dass im Rückgrat eines jeden Menschen eine Kreatur lebt, die sich von der Angst ihres Wirtes ernährt. Fängt dieser im Zustand der Angst nicht an zu schreien, wächst die Kreatur, der so genannte „Tingler“, zu voller Lebensgröße heran, was zum Tod des Menschen führt. Bei der Autopsie einer zu Tode erschreckten Taubstummen befreit Dr. Chapin schließlich einen ausgewachsenen Tingler aus dem Körper der Frau. Der Tingler entkommt und versetzt mitunter das Publikum eines Stummfilmkinos in Angst und Schrecken.

Nachdem der Film zu Ende war, es hatte sie doch etwas und nicht nur etwas, gegruselt, machte er sich auf den Heimweg und auf diesem Weg hatte er den Eindruck, er würde von allerlei bösartigen Wesen verfolgt und so rannte er, so schnell ihn seine Füße trugen, durch den Wald, auf die Mauer, über das Dach, öffnete das angelehnte Fenster und hatte seinen Schlafplatz endlich erreicht. Aber an Schlafen war nicht zu denken, so sehr verfolgten ihn noch immer die bewegten Bilder des Films. Würde er soetwas noch einmal machen? Er wußte es nicht.


(c) Rolf Glöckner

Samstag, 3. Dezember 2011

Moped, Moped!

Er hatte sich durch vier Wochen Arbeit auf einer Baustelle, den Job hatte ihm sein Onkel verschafft, gequält und heute sollte der Tag der Abrechnung sein. Wohl hatte er jede Woche Donnerstag einen Abschlag auf seine Arbeit erhalten, aber heute, heute wurde alles an ihn ausbezahlt, was er sich verdient hatte und das sollte für seine Verhältnisse sehr viel sein. In einer Gruppe, die die Zimmereiarbeiten an einem Kabelkanal durchführten, hatte er fleißig mitgeholfen und die fünf Männer hatten im Akkord gearbeitet. Dafür bekamen sie große Zuschläge und sein Onkel hatte dafür gesorgt, er hatte ja schließlich in der Gruppe mitgearbeitet, dass er daran auch teilhaben sollte und da hatten sie ihm einfach jeden Tag so zwei bis drei Stunden mehr aufgeschrieben und nun fieberte er dem Nachmittag entgegen, wenn die Lohntüten ausgeteilt wurden. Endlich erschien der Lohnbuchhalter mit seiner Aktentasche und das große Auszahlen begann. Endlich hielt er seine Lohntüte in Händen, er schaute auf den Betrag und ihm stockte der Atem. Siebenhundertdreiundzwanzig Mark! Das würde für das, was jetzt kam, ausreichen, er würde heute sein erstes Moped abholen, den Führerschein hatte er schon vorher erworben, ein Versicherungskennzeichen stak in seinem Rucksack und nun konnte es losgehen.
So schnell er konnte, das kleine Fahrrad- und Mopedgeschäft war nicht weit entfernt, rannte er mehr als das er ging, seinen langersehnten fahrbaren Untersatz zu holen. Es war zwar nicht das, was Freunde von ihm schon besaßen, aber es war sein erstes Moped und er hatte es sich selbst verdient. Vor dem Geschäft, die Lohntüte fest umklammert, wartete schon sein Freund  und der hatte mitgebracht, was er versprochen hatte, eine Sitzbank und die dazugehörigen Fußrasten. Schnell hinein in die Werkstatt und dort stand das gute Stück, ein Moped namens Dürkopp Fratz.


Schnell den Sattel abgeschraubt, die Fußrasten angebracht, das Nummerschild montiert und sein erstes Moped, den Tank hatte ihm der Laden- und Werkstattinhaber als Geschenk gefüllt, war sein. Nun noch bezahlen und dabei blieben sogar noch zweihundert Mark übrig.
Und nun aber los! Der kleine Sachs-Motor knatterte laut auf, der Freund stieg auf und los ging die Fahrt. Sie fuhren gemeinsam die Dorfstraße hinauf und hinunter und dann passierte es. Der Käfer des Dorfpolizisten überholte sie und eine Kelle winkte zum Anhalten. Der Polizist stieg aus, kam auf die Jungen zu und fragte erst einbmal nach dem Führerschein und den Fahrzeugpapieren und dem Versicherungsschein. Alles schien in Ordnung aber dann stutzte er und sagte: "Dieses Fahrzeug ist für zwei Personen nicht zugelassen, das kostet eine Verwarngeld von zehn Mark und dann werden die Fußrasten sofort wieder abgebaut!"
Der Junge zog seine Geldbörse aus der Tasche, öffnete sie und erschrak. Er hatte nur noch Schein in der Höhe von fünfzig Mark. Davon gab er einen Schein dem Polizisten und der sagte ärgerlich, er konnte nicht wechseln: "Hätte ich gewußt, dass Du soviel Geld hast, dann hätte ich Dir eine richtige Strafe aufgebrummt!"  Das Geld wurde in einem naheliegenden Gesachäft gewechselt, das Verwarngeld entrichtet und dann warteten die Jungen, bis der Polizist verschwunden war und weiter ging die Fahrt.
Im Laufe der Zeit wurde noch einiges am Moped verändert, so dass es die Geschwindigkeit, für welches es eigentlich zugelassen war, bei weitem überschritt.
Und das wäre sein Traumfahrzeug gewesen:  eine Kreidler Florett, aber dafür hatte das Geld dann doch nicht gereicht.





(c) Rolf Glöckner

Freitag, 2. Dezember 2011

Der Schwarze

Er kam von der Schule nach Hause und betrat das Haus durch den Eingang zur Sommerküche. Aus der angrenzenden Waschküche vernahm er ein leises Fiepen und er ging, neugierig, was das wohl sein könnte, dem Geräusch nach. In der Waschküche traf er auf seinen Onkel, der gerade dabei war, einen kleinen, schwarzen Welpen zu füttern. Was ist denn das für einer, entfuhr es ihm und er bekam zur Antwort: "Das ist ein Schäferhund, noch ganz jung, ich habe ihn erst heute mitgebracht." "Aber der ist doch schwarz, gibt es denn soetwas?" wollte er wissen. "Ja," antwortete sein Onkel, das gibt es und ich werde ihn aufziehen, seine Mutter ist bei der Geburt leider gestorben und nun ist er bei uns.


Ich würde mich freuen, wenn Du Dich, wenn es Deine Zeit mit der Schule und dem Sport erlauben, etwas um ihn kümmern würdest. Alles, was Du dazu wissen solltest, werde ich die noch erzählen." Der wunderschöne, tiefschwarze Welpe fiepte leise, kroch auf ihn zu und versuchte, ihm seine Hand zu lecken, die er ihm entgegenhielt. Dann versuchte er, an einem Finger zu saugen. Sein Onkel gab ihm die Flasche mit Milch und sagte: "Nun füttere Du ihn, damit er sich an Dich gewöhnt."
Er fütterte ihn und gierig trank das kleine Tier die Flasche leer. Wimmernd verlangte er nach mehr. Fragend sah er seinen Onkel an: "Darf er noch etwas haben?" "Nein, erst heute abend bekommt er wieder etwas, wenn ich zurückkomme, werde ich es zubereiten und du kannst ihn dann, wenn Du magst, füttern." Und so vergingen die Tage und der Welpe wuchs zu einem kräftigen Schaferhund heran. Die beiden hatten viel Spaß nmiteinander und der Hund, sein Onkel mußte ja arbeiten, begleitete ihn auf vielen seiner Wege. Der Hund erhielt seine Ausbildung zum Schutzhund und würde als Fährtenhund bei der Dorfpolizei eingetragen.
So vergingen Jahre, und auch er wuchs heran und dann passierte das Unfassbare. Er kam von einem Schulausflug zurück und der Hund, was er sonst immer tat, begrüßte ihn nicht. Auf dem Hof des Hauses stand ein Auto und keiner der Erwachsenen war zu sehen. Unruhig werdend ging er ins Haus. Aus dem großen Wohnzimmer vernahm er ein Stimmengemurmel. Er trat ein und sah den Hund, es hatte den Anschein, als sei er sehr schwach, in seinem Korb liegen. Er atmete schnell und seine Brust hob und senkte sich hektisch. Dann vernahm er die Worte des ihm unbekannten Mannes: "Ja, jetzt kann ich nichts mehr für ihn tun, er hat die Staupe. Ich habe alles versucht!"
Er stürzte auf den Hund zu, kniete vor ihn nieder und streichelte seinen Kopf. Der Hund schaute noch einmal hoch, leckte ein letztes Mal seine Hand und dann brachen seine Augen. Dem Jungen schossen die Tränen in die Augen und auch sein Onkel, der den Hund ebenfalls über alle Maßen geliebt hatte, konnte sich der Tränen nicht erwehren.
Nie in seinem Leben würde er dieses Bild aus seiner Erinnerung verdrängen können, so sehr waren er und der Hund sich zugetan gewesen.
Aber das Leben mußte weitergehen, wenn auch jetzt ohne seinen geliebten schwarzen Schäferhund.

(c) Rolf Glöckner