Mittwoch, 18. September 2013

Das schwarze Schaf



Das schwarze Schaf

Es war Geburtstag, immer war in der großen Familie Geburtstag. Im großen Wohnzimmer saßen alle beieinander, der Tisch war reichlich gedeckt und wie immer thronte die Großmutter über allen Familienmitgliedern.
   Sie schaute herrisch in die Runde und das Gemurmel verstummte. Die Kinder schwiegen verschreckt und hielten die Köpfe gesenkt. Nur nicht auffallen!  Was würde denn nun wieder passieren, wen würde es denn dieses Mal treffen. Immer begann eine solche Geburtstagfeier damit, dass einer aus der Runde den Zorn der Oma abbekam, es hatte schon fast Tradition.

   Die Großmutter ergriff mit ihrer hart klingenden Stimme das Wort:
„Wir sind zusammengekommen, um meinen siebzigsten Geburtstag zu begehen!“ Das Wort „feiern“ war in ihrem Sprachschatz augenscheinlich nicht vorhanden. Sie wandte sich ihrem jüngsten Sohn zu und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Mir ist da etwas zu Ohren gekommen! Ich würde von dir gern wissen, wo du dich in der letzten Woche herumgetrieben hast?“ Ihr Sohn bekam einen knallroten Kopf. „Ich war für eine Woche auf einer Baustelle bei Münster!“ Es war nicht ungewöhnlich, dass er auf weiter entfernten Baustellen eingesetzt wurde, sein Beruf als Zimmermann brachte es oft mit sich.

   „Du lügst, dein Polier war hier und hat nach dir gefragt. Wo warst du? Immer wieder bringst du unsere Familie in Verruf, ständig wird über dich im Dorf geredet. Wo warst du also? Rede!“
Sein Neffe, für den er der Lieblingsonkel war, sprang auf und kletterte auf seinen Schoß. Dort richtete er sich zu seiner ganzen elfjährigen Größe auf und schrie mit zitternder Stimme empört: „Warum hackst Du immer wieder auf ihm herum, Oma, warum meinst du immer, dass alles, was er tut, auf die Familie zurückfällt? Warum immer er? Warum sagst du immer wieder, er sei das schwarze Schaf der Familie?
Ich habe ihn vorgestern beim Zirkus, der auf dem großen Platz neben der Kirche gerade sein Zelt aufbaut, gesehen. Er stand dort mit einer Frau, die eine große Schlange um den Hals trug, ich fand das toll und aufregend!“
Da hatte er aber etwas gesagt! Entsetzen machte sich bei Schwestern und Brüdern breit. Nicht nur, dass ihr Nesthäkchen es mit dem Gesetz manchmal nicht so genau nahm, er hatte ein paar kleine Strafen wegen Wilddieberei und anderen Übertretungen auf seinem Konto, ließ er sich jetzt auch noch mit einer Schlangentänzerin aus dem Zirkus ein. !
Auf verständnisloses Kopfschütteln folgte ein eisiges Schweigen und der Onkel wandte sich an seinen Neffen, sah ihn lange an und sagte dann: „Sei du vorsichtig in deinem Leben, sonst bist auch du später einmal das schwarze Schaf!“
…… und es geschah!


© Rolf Glöckner