Das schwarze Schaf
Es war Geburtstag, immer war in der großen Familie
Geburtstag. Im großen Wohnzimmer saßen alle beieinander, der Tisch war
reichlich gedeckt und wie immer thronte die Großmutter über allen
Familienmitgliedern.
Sie schaute herrisch in die Runde und das Gemurmel
verstummte. Die Kinder schwiegen verschreckt und hielten die Köpfe gesenkt. Nur
nicht auffallen! Was würde denn nun
wieder passieren, wen würde es denn dieses Mal treffen. Immer begann eine
solche Geburtstagfeier damit, dass einer aus der Runde den Zorn der Oma
abbekam, es hatte schon fast Tradition.
Die Großmutter ergriff mit ihrer hart klingenden Stimme das
Wort:
„Wir sind zusammengekommen, um meinen siebzigsten Geburtstag
zu begehen!“ Das Wort „feiern“ war in ihrem Sprachschatz augenscheinlich nicht
vorhanden. Sie wandte sich ihrem jüngsten Sohn zu und sah ihn mit gerunzelter
Stirn an.
„Mir ist da etwas zu Ohren gekommen! Ich würde von dir gern
wissen, wo du dich in der letzten Woche herumgetrieben hast?“ Ihr Sohn bekam
einen knallroten Kopf. „Ich war für eine Woche auf einer Baustelle bei
Münster!“ Es war nicht ungewöhnlich, dass er auf weiter entfernten Baustellen
eingesetzt wurde, sein Beruf als Zimmermann brachte es oft mit sich.
„Du lügst, dein Polier war hier und hat nach dir gefragt. Wo
warst du? Immer wieder bringst du unsere Familie in Verruf, ständig wird über
dich im Dorf geredet. Wo warst du also? Rede!“
Sein Neffe, für den er der Lieblingsonkel war, sprang auf
und kletterte auf seinen Schoß. Dort richtete er sich zu seiner ganzen
elfjährigen Größe auf und schrie mit zitternder Stimme empört: „Warum hackst Du
immer wieder auf ihm herum, Oma, warum meinst du immer, dass alles, was er tut,
auf die Familie zurückfällt? Warum immer er? Warum sagst du immer wieder, er sei
das schwarze Schaf der Familie?
Ich habe ihn vorgestern beim Zirkus, der auf dem großen
Platz neben der Kirche gerade sein Zelt aufbaut, gesehen. Er stand dort mit
einer Frau, die eine große Schlange um den Hals trug, ich fand das toll und
aufregend!“
Da hatte er aber etwas gesagt! Entsetzen machte sich bei
Schwestern und Brüdern breit. Nicht nur, dass ihr Nesthäkchen es mit dem Gesetz
manchmal nicht so genau nahm, er hatte ein paar kleine Strafen wegen
Wilddieberei und anderen Übertretungen auf seinem Konto, ließ er sich jetzt
auch noch mit einer Schlangentänzerin aus dem Zirkus ein. !
Auf verständnisloses Kopfschütteln folgte ein eisiges
Schweigen und der Onkel wandte sich an seinen Neffen, sah ihn lange an und
sagte dann: „Sei du vorsichtig in deinem Leben, sonst bist auch du später
einmal das schwarze Schaf!“
…… und es geschah!
© Rolf Glöckner
