Freitag, 29. Juli 2011

Königsmacher

Er wachte auf und die Aufregung um die Ereignisse des heutigen Tages überkamen ihn schon jetzt.
Es war Sonntag und heute sollte es passieren, er und sein bester Freund Bruno waren auserwählt!
Schon seit Wochen ging es in der Siedlung nur noch um ein Thema, das Königsschießen des Schützenvereins mit dem eine Woche später folgenden Schützenfest.
Schon lange vorher war in einem absolut geheimen Gespräch die Schießkommission an ihn und seinen besten Freund Bruno herangetreten, um sie zu bitten, "Es" zu tun; "Es", das war das Königsmachen!
Sie, die Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Vereins, hatten ihnen genau gesagt, wie das nun abzulaufen habe und hatten ein Zeichen verabredet, ein Hut mit einer großen, weißen Feder, sollte vom Kopf genommen und hingelegt werden, erst dann sollten sie kräftig an einem dünnen Draht ziehen. Es war sehr wichtig, immerhin hatte der Verein ein großen Jubiläum, wurde er doch 100 Jahre alt und man wollte dazu eben auch den "richtigen" König haben!



Zuerst aber war in der Schießbahn der Adler aufzustellen, in einer Entfernung von dreissig Metern vom Schießstand entfernt. Der Adler, eine aus Holz hergestellte Figur, vergleichbar mit einem Wappenvogel, mit Krone, Reichsapfel und Szepter, die Schwingen weit ausgebreitet.
Befestigt wurde er mittels eines runden Pflockes an einem Pfahl. Dieser Pflock war sozusagen des Pudels Kern aber dazu später mehr.
Am Sonntagvormittag traf man sich dann, den Adler aufzustellen, am Nachmittag sollte dann das Königsschießen stattfinden. Kurz vor Mittag rief der Nachbar, er war Mitglied der Kommission: "Ihr könnt los!" Sofort machten sich die beiden Jungen auf den Weg, die Rolle Draht,einen kleinen Hammer und einige Krampen trugen sie mit sich.
Durch das Gebüsch schlichen sie vorsichtig in den Schießbahn. Da stand er ja!  Sie rannten auf den Adler zu, nahmen ihn von seinem Pfahl und legten ihn vorsichtig ins Gras. Bruno entfernte den Pflock, sie schlugen eine Krampe in ihn hinein, befestigten den dünnen Draht und bauten alles wieder zusammen. Nun musste der Draht nur noch zum Unterstand des Kugelfanges gerollt und dort hinuntergelegt werden, dann konnte am Nachmittag nichts mehr schief gehen. Aufgeregt machten sich die beiden Jungen auf den Heimweg, denn schon vor dem Beginn des Königsschiessens mußten sie ihren Platz im Unterstand eingenommen´haben.
Und schon bald war es soweit! Die beiden Jungen kauerten sich in den dunklen, immer etwas feuchten Scheibenunterstand und blickten den dort angebrachten Spiegel, der ihnen einen Blick auf den Schießstand gewährte, um auch ganz bestimmt nichts zu verpassen.
Die ersten Schüsse fielen, ein Flügel stürzte zu Boden, der Reichapfel und das Szepter, die Krallen, der andere Flügel und zum Schluß die Krone folgten nach.
Nun wurde es spannend, denn nur noch der Rumpf war an dem Pfahl noch vorhanden.
Die Herzen der beiden Jungen klopften nun bis zum Hals. Nur das Zeichen nicht verpassen!
Und da; ein Hut mit einer langen weissen Feder wurde abgenommen und hingelegt, ganz deutlich war es in dem großen Spiegel zu sehen.
Jetzt nur noch auf den Schuß warten! Der Knall erreichte die Jungen und gemeinsam rissen sie an dem Draht. Langsam, ganz langsam neigte sich daraufhin der Rumpf des Königsadlers und fiel mit einem dumpfen Ton zu Boden. Aus dem Schießstand erklang lautes Jubeln, der neue König mit einer Amtszeit von einem Jahr war gekürt.
Die Jungen schlichen durch das Gebüsch, gingen gemeinsam zum Schießstand, in dem nun großer Trubel herrschte, betraten diesen und schautem dem Treiben zu. Keiner beachtete sie, nur ein Kommissionsmitglied zwinkerte ihnen zu, als wolle er sagen: "Gut gemacht".

Diese hier waren gefürchtet, gewannen sie doch jeden Wettkampf haushoch !

(c) Rolf Glöckner

Mittwoch, 27. Juli 2011

Erste Liebe

Mürrisch machte er sich auf den Weg. Eigentlich hatte er dazu überhaupt keine Lust und wäre gern, besonders an diesem stürmischen Tag, daheim geblieben. Aber Pflicht war eben Pflicht und so nahm er seine Tasche, klammerte sie auf das Fahrrad, welches ihm Nachbarn, die im benachbarten Stahlwerk Dienst taten, aus Schrotteilen zusammengebaut hatten. Zuerst den Berg hinunter, hier sollte er besser vorsichtig sein, es ging sehr steil hinab. Als er den schmalen Weg unterhalb des Hanges, welcher mit Hunderten von blühenden Schwertlilien bedeckt war, erreicht hatte, stieg er auf und fuhr weiter talabwärts.


An der tiefsten Stelle zweigte ein kleiner Weg ab, der nach einigen wenigen Häusern zu seiner Lieblingsstelle an einem kleinen Bach führte. Dort stand eine uralte Trauerweide, schon teilweise ausgehöhlt und schwenkte ihre langen, mit lanzettförmigen Blättern bedeckten Zweige über dem Bach hin und her. Leider konnte er hier nicht lange verweilen und so erreichte er schon bald die Straße, die zum Ort hinführte.
Vor ihm fuhr auf einem nagelneuen Rad ein Mädchen. Er holte es ein, fuhr vorbei, drehte sich um, um sie anzusehen, bekam einen roten Kopf, als sie ihn lieb anlächelte und wäre, hätte er nicht im letzten Moment gebremst, in den neben der Straße verlaufenden Graben gefahren. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl, mit dem er nichts anfangen konnte, in sich, nahm aber allen Mut zusammen und fragte sie: "Wohin fährst Du?". Sie antwortete: "Ich gehe heute den ersten Tag in diese Schule hier, wir sind erst kürzlich hier zugezogen". Er antwortete: "Dann können wir ja zusammen hinfahren".
Gemeinsam erreichten sie die Schule und das Mädchen ging mit ihm zusammen in den Klassenraum, in welchem schon einige Schüler mehr oder weniger herumtobten. Als die Klassenlehrerin erschien, kehrte Ruhe ein. Die Lehrerin bat das Mädchen, nach vorn zu kommen und sagte: "Das ist Christine, sie wird ab sofort in Eurer Klasse sein, also benehmt Euch".
Er war mit einem Male ganz glücklich und ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Der Unterricht verging wie im Fluge und in den Pausen versuchte er immer, in ihrer Nähe zu sein.
Auf dem Heimweg schwatzten sie allerlei dummes Zeug, lachten viel und waren beide mit sich und der Welt zufrieden.


Als er nach Hause kam, bemerkte seine Mutter, dass er wohl etwas Besonderes erlebt haben müsse und fragte nach seinen Erlebnissen. Da sprudelte es aus ihm heraus, seine Augen leuchteten, er ruderte beim Erzählen mit den Armen und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Die Mutter hörte aufmerksam zu, lächelte dann und sagte: "Mir scheint, Du bist das erste Mal verliebt, aber es ist ja noch soviel Zeit in Deinem Leben". Dann strich sie ihm über den Kopf, als wolle sie ihn ein wenig trösten.
Er sah sie an und dachte: "Sie hat ja recht, ich bin ja erst sieben Jahre alt".
Aber morgen würde er Christine wiedersehen.....

(c) Rolf Glöckner

Dienstag, 26. Juli 2011

Dummer Dieb

Der Schäferhund Alf schlug an. Der Junge schrak auf und blickte auf seinen alten Wecker, dessen grelle Leuchtziffern einen grünen Kreis auf den kleinen Nachtschrank zeichneten. Fast drei Uhr und was war das für ein brummendes Geräusch auf dem Hof? Ein Bär, war deshalb Alf, eigentlich Asso vom Ritterbogen, so unruhig war? Jetzt verstummte das Geräusch.
Der Junge erhob sich, schlüpfte in seine alte, abgegriffene Hose, streifte sich den Pullover über und trat langsam ans Fenster. Vorsichtig lugte er hinaus und sah ein Polizeiauto auf dem Hof stehen. Die beiden Beamten suchten wohl die Haustür, das Haus war einsam am Wald gelegen und es war sehr dunkel heute Nacht. Die Polizisten sprachen jetzt miteinander, ließen dann den Wagen wieder an und schalteten die Scheinwerfer ein. Das grelle Licht blendete den Jungen, er sah aber noch, daß die beiden Männer auf die Haustür zukamen.
Die alte Klingel schrillte laut und der Junge überlegte, was er nun wohl tun solle, er war allein in dem großen Haus am Waldesrand, die Eltern waren zu einer Feier,das konnte noch dauern, bis sie zurückkamen, der Bruder war auf einer Klassenfahrt und sein Onkel, dem Alf gehörte, war als Zimmermann auf einer auswärtigen Baustelle.
Er erinnerte sich plötzlich, dass er doch schon fünfzehn Jahre alt war, riß sich zusammen, ging mit klopfendem Herzen zur Haustür und öffnete diese.
Fragend sah er die zwei Ordnungshüter an. "Ist dein Onkel zu Hause, wir brauchen seinen Hund, er ist bei uns als Fährtenhund eingetragen und er soll uns bei der Aufklärung eines Diebstahls helfen" fragte einer der Beiden. "Mein Onkel ist nicht zu Hause" antwortet der Junge. "Kannst Du denn mit dem Hund umgehen?" kam die Frage.
Alf war inzwischen wie ein Schatten aus dem Dunkel des Raumes aufgetaucht, die Nackenhaare hochgestellt und ein leichtes Knurren war deutlich zu hören. "Alf,  Sitz" sagte der Junge und der Schäferhund setzte sich, die Szene argwöhnisch betrachtend.


"Wir sollten es versuchen", sagte einer der Beamten und fragte dann: "Wie alt bist Du überhaupt?"
"Fünfzehn", antwortete der Junge. "Na, ja", sagte der Polizist, "wird schon gehen, also zieh die was Warmes über, nimm den Hund und dann komm!"
"Moment,", antwortete der Junge, jetzt doch schon ziemlich aufgeregt, "ich muß noch die normale und die Suchleine holen, wir wollen doch auf Spurensuche gehen, oder?"
Sie gingen gemeinsam über den Hof, Alf, als ob er wüsste, was man von ihm erwartete, sprang sofort auf den Rücksitz des Wagens und machte es sich bequem. Das Polizeiauto startete und vorsichtig tastete sich der Fahrer den holprigen Weg entlang, bis die Straße erreicht war. Nun ging es in den Ort und das Auto stoppte vor einem Antiquitätenladen. Dort wartete ein weiterer Polizist, der die Einbruchstelle mit einem roten Flatterband abgesichert hatte und sich mit dem inzwischen herbeigerufenen Besitzer des Ladens unterhielt.
Sie stiegen aus, Alf sprang heraus, reckte und streckte sich und schaute sich dann aufmerksam um.
Der Junge befestigte die Suchleine am Halsband und fragte: "Gibt es irgend etwas, was der Dieb verloren haben könnte, wo er angefasst haben könnte und damit eine deutlich Spur hinterlassen hat?"
"Ja" antwortete der Beamte, "er hat hier die Scheibe des kleinen Fensters eingeschlagen, ist hindurchgekrochen und dabei ist er wohl mit seiner Jacke hängengeblieben, ein Stück Stoff hängt noch dort."
Der Junge führte Alf an das Fenster und zeigte auf den Fetzen, der kluge Hund verstand und beschnüffelte das Stück Jackenstoff intensiv. Als der Junge glaubte, es sei nun genug, rief er den Hund zurück, gab die Leine frei und sagte laut: "Alf, Such".
Der Schäferhund begann, kleine Kreise zu laufen, die sich langsam vergrößerten.
Plötzlich blieb er stehen, die schwarzglänzende Hundenase auf dem Boden und die Leine spannte sich.
Der Junge gab die Leine noch mehr frei und sagte noch einmal laut: "Alf, Such!"
Der kräftige Schäferhund schoß los, kaum das der Junge ihn halten konnte. Es ging in eine kleine Straße, durch einen Garten, dort konnten auch Fußspuren ausgemacht werden, wieder auf die Straße und dann schnurgerade auf ein Haus zu.
Dort stürmte Alf bis zur Haustür, sprang an ihr empor und gab Laut. Nach einer Weile, die Beamten hatten inzwischen laut geklopft, erschien der Besitzer verschlafen an der Tür, der Hund drückte ihn beiseite und sprand die steile Treppe, die in das Obergeschoß führte, empor. Vor einer Tür machte er halt und begann laut zu bellen.
Die Polizisten riefen den Jungen zurück und klopften an die Tür, als sich keiner meldete, öffneten sie diese mit einem kräftigen Tritt und betraten das Zimmer. Im Bett fanden sie einen Mann, noch halb angekleidet, der Kleiderschrank stand halb offen und von dort lugte ihnen das Diebesgut schon entgegen.
Dem Mann, er war bereits polizeilich bekannt, wurden Handschellen angelegt und damit war er festgenommen.


Als man sich das nun sichergestellte Diebesgut etwas näher anschaute, gab es ein großen Gelächter unter allen Beteiligten, auch der Besitzer des Ladens konnte sich eines Lachanfalls nicht erwehren.
Da waren überwiegend orientalische Messinggegenstände, die der Dieb, wohl nicht mit besonderen Geistesgaben gesegnet, für reines Gold gehalten hatte und deshalb nur diese Teller und Becher mitgenommen hatte.
Jetzt brachten die Beamten Alf und den Jungen heim. Dort erwarteten ihn schon seine Eltern, die zwischenzeitlich nach Hause gekommen waren und dort sowohl den Jungen als auch den Hund vermisst hatten und ziemlich aufgeregt fragten, was denn geschehen sei.
Alles klärte sich auf und für den Jungen und für Alf war eine abenteuerliche Nacht zu Ende und morgen, ja morgen würde er sich dieses Erlebnis noch einmal in allen Einzelheiten in Erinnerung bringen. Jetzt wollte er nur noch schlafen und Alf blieb in dieser Nacht in seinem Zimmer.
Der Ort, in dem dieses Abenteuer stattfand gibt es wirklich und noch heute schaut man vom "Letzten Haus am Wald" hinunter auf Industrie und den Ort.



(c) Rolf Glöckner

Montag, 25. Juli 2011

Hofknecht

Der Wecker klingelte schrill und er rollte sich ächzend aus dem Bett, der Rücken schmerzte schon jetzt. Wieder lag ein Tag vor ihm, der  eine Menge Arbeit und Lauferei mit sich bringen würde. Dennoch, er tat es gern, hatte er doch noch eine Aufgabe und war nicht vollkommen nutzlos.
Also, die Lieblingskleidung, alte Jeans, altes Hemd und Gartenschuhe angezogen und nach einem kleinen Frühstück mähte er den Rasen, so zirka eintausend Quadratmeter. Danach trank er unter einer Pergola zwischen Rosen und den wunderschön blau blühenden Agapanthus einen kleinen Kaffee, bevor es weitergehen sollte mit Rosen ausputzen,  Büschen beschneiden und die Blumenbeete bedurften auch einer dringenden Überholung. Zu Mittag hatte die alte Frau  aus dem Vorderhaus schon einen Eintopf und eine Nachspeise gerichtet und nach einer kleinen Mittagspause, die Arbeit wollte nicht mehr so flüssig von der Hand gehen, kamen schon die nächste Aufgaben auf ihn zu.
Diesesmal war es aber etwas Angenehmes, denn der schon sehr alte Klarapfelbaum hatte überreichlich getragen und sollten bei dem doch sehr windigen und auch kalten Sommer nicht alle Äpfel als Falläpfel enden, waren  die schönsten Äpfel zu pflücken.
Mittels einer Trittleiter und einem Apfelpflücker wurden die Augustäpfel vorsichtig abgepflückt in einen Korb gelegt. Der Anblick erfreute den alten Mann, zumal sich die Sonne jetzt mühsam hinter ein paar grauen Wolken hervorquälte. Er legte eine kleine Pause ein und wandte sich der Sonne zu, um sich ein wenig aufzuwärmen.
Mitdem rief seine Frau, die einen Tee und ein kleines Stück selbstgebackenen Kürbisstuten als Pausenbrot bereitet hatte. Eine kleine Pause war angesagt und für heute war der Garten, seiner, und der der alten Frau, gerichtet.


Langsam verzogen sich die Wolken und der Himmel klarte auf. Sollten in der Nacht Sterne zu sehen sein oder konnte er zumindest den Mond fotografieren?
Die Devise hieß abwarten, denn in der Stadt wollte es eigentlich nicht so bald dunkel werden. Also wurden die Kameras, versehen mit den entsprechenden Objektiven und die Stative bereitgestellt und es begann das lange Warten auf die Dunkelheit.
Irgendwann, es war schon kurz vor Mitternacht, seine Frau hatte sich schon längst zur Ruhe begeben, tauchte er ein in den Sternenhimmel, fotografierte weitwinklig ins All hinaus und war mit sich und der Welt zufrieden. Am nächsten Tag würde er die Ergebnisse auswerten, bevor neue Arbeit auf ihn zukommen würde. Und das Ergebnis, Mond und Strichspuren und eine Aufnahme mit dem Fischauge waren zumindest brauchbar.





Morgen würde ein neuer Tag mit neuen Aufgaben und Herausforderungen sein.

(c) Rolf Glöckner