Mittwoch, 7. Juni 2017

Wie der Igel zu seinen Stacheln kam

   In grauer Vorzeit war der Igel mit einem wunderschönen weichen Fell bedeckt. Das nutzten seine Feinde, die nur zubeissen mussten, um an einen fetten Happen zu gelangen.
Einer der wenigen Igel, der sich im Wald versteckt hatte, dachte lange nach, bis er sich auf den Weg in einen dunklen Tannenwald machte. Der war so dicht, dass ihm die Feinde, Fuchs und Wolf, nur unter großen Schwierigkeiten folgen konnten. Nachdem er eine Weile unter den tiefhängenden Tannenzweigen dahingekrochen und die Tannennadeln sich immer wieder in sein weiches Fell bohrten, wurde es heller und vor ihm tat sich eine Lichtung auf. Eine Hütte stand am Rande des wieder beginnenden Waldes. Der Igel, ein wenig ängstlich, ging auf die Hütte zu und kratzte mit seiner Kralle an der Tür. Schritte wurden hörbar und die Tür öffnete sich. Ein uralter Mann, mit langem grauen Bart und gekleidet in einen dunklen Umhang, sah den ängstlich ausschauenden Igel an. "Was willst denn du, kleiner Igel?" Der Igel stieß Klagelaute aus und begann zu erzählen. "Ich diene den Räubern nur als Futter und ich kann mich nicht wehren, habe keine Krallen, kann nicht schnell laufen und einen Schutz bietet mir mein Fell nicht. Ich suche Hilfe. Gibt es etwas, was du für mich tun kannst?"
   Der alte Mann lächelte und antwortete: "Du hast Glück, ich bin ein Zauberer und vielleicht kann ich etwas für dich tun. Soll ich dir lange Beine verschaffen, damit du schneller kaufen kannst?" "Ach nein", antwortete der kleine Igel, "Mit langen Beinen wäre mir nicht geholfen und wie würde ich dann aussehen?" Er rollte seinen kleinen Körper zusammen und steckte seinen Kopf zwischen die Forderpfoten. Der Zauberer schaute die kleine Kugel an und plötzlich hatte er eine Idee. Er ging in seine Hütte und kam nach kurzer Zeit mit einer kleinen Glasflasche zurück. Er trat zum Igel, der immer noch wie eine Kugel auf dem Gras lag, öffnete den kleinen Behälter und stäubte einen schillernden Staub auf den Igel und sprach einige seltsam klingende Worte. Der Igel spürte an seinem ganzen Körper ein Ziehen und Zerren. Er entrollte sich und schaute erstaunt auf. Seine seidenweichen Haare hatten sich aufgerichtet und verwandelten sich in Stacheln, die seinen ganzen Körper bis hin zu seinem kleinen Schnäuzchen bedeckten. 
   Der Zauberer schloss das Glasgefäß und sagte dem Igel: "Jetzt mußt du dich nur noch, wenn Gefahr droht, zusammenrollen und kein Feind kann dir etwas zu Leide tun. Der Igel bedankte sich und ging in den Tannenwald zurück. Seine Stacheln hielten die Tannenzweige von ihm ab und er fand seine neue Rüstung wunderschön, wenn auch das neue Kleid beim Gehen etwas raschelte. Nach geraumer Zeit erreichte er den Rand des Tannenwaldes und dort lag schon ein Fuchs auf der Lauer. Er war es gewohnt, einen Igel mit Leichtigkeit zu erlegen und so biss er kräftig zu. Da hatte er sich aber versehen, denn der Igel hatte sich blitzschnell zusammengerollt und die Stacheln bohrten sich wie kleine Messer in die Lefzen des Fuchses. Der heulte auf, riss sich los und rannte blutend davon.  Ein Wolf, der ebenfalls versuchte, den Igel als einen Leckerbissen zu erbeuten, holte sich eine blutende Nase und so konnte der Igel, gut geschützt durch sein Stachelkleid, sein Leben geniessen und im Stillen dankte er dem Zauberer. Was er nicht wissen konnte, war, dass der Zauberer allen Igeln dieses Stachelkleid geschenkt hatte.

Leider hilft das Zusammenrollen und das Stachelkleid gegen den größten Feind der Gegenwart, das Auto, nicht mehr. Ein neuer Zauber wäre nötig!






(c) Rolf Glöckner
 

Samstag, 20. Dezember 2014

Stille Nacht, heilige Nacht!

Es war wie immer!. Etwas Geheimnisvolles ging von der guten Stube aus. Wir Kinder durften diesen Raum am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, nicht betreten. Das dort ein Weihnachtsbaum stehen würde, dass wussten wir Kinder wohl, hatten wir doch unseren Onkel begleitet, als wir uns eine Fichte (andere Bäume außer Edeltannen für die Reichen gab es nicht für uns) aus der Schonung eines Bauern holen durften. Was aber sonst in der Stube geschah, hätten wir gern gewusst und so versuchten wir, durch das Schlüsselloch zu schauen, um etwas zu erspähen, aber leider war das Schlüsselloch verhängt. Mutter wusste schon um unsere Aufregung. Doch schon bald war es soweit. Ein kleines Glöckchen klingelte, die große Tür zum Wohnzimmer öffnete sich und wir durften hinein. Der große alte Kirschbaumtisch war wunderschön gedeckt und zuerst mussten wir uns setzen, um gemeinsam zu essen. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke, die Kerzen brannten noch nicht. Unter ihm allerlei kleine Päckchen und die für jeden bestimmten bunten Teller. Alle zusammen nahmen ein leckers Mahl ein ein und dann wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet. Nun durften wir anschauen, welche Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Der alte Ofen (eine Heizung hatte das alte Haus nicht) bullerte vor sich hin und strahlte Wärme aus, als es geschah!

Die Stiefgroßmutter, schon alt, den Kopf verhüllt mit einem großen schwarzen Kopftuch, wollte den Ofen mit neuem Feuerholz füttern und öffnete die Klappe etwas zu schnell. Diese löste sich aus der Verankerung und fiel zu Boden. Der Stiefvater begann laut zu schreien und schimpfte mit unflätigen Worten mit seiner Mutter. Die begann zu kreischen und es entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn. Wir Kinder standen wie angewurzelt in der Weihnachtsstube und wussten nicht, wie uns geschah. Ich reagierte angstvoll, schnappte mir ein kleines Päckchen, welches mit meinem Namen versehen war und rannte zur Tür hinaus. Da war ja noch meine "richtige Oma", die uns immer in ihrer gemütlichen kleinen Stube aufnahm, wenn es in der Familie mal wieder brenzlig wurde.. Bei ihr war ich in Sicherheit, denn meine Oma, die ich sehr liebte, weigerte sich seit langem, an der Weihnachtsfeier teilzunehmen. Sie hatte keine Beziehung zum Stiefvater meines Bruders und mir. Sie bot mir einen Sitz an, machte sich am Herd zu schaffen und schon bald duftete es nach leckerem Kakao, den sie von ihrer Cousine aus Holland mitgebracht hatte, als sie diese Anfang Dezember besucht hatte. Dann füllte sie mir einen Becher und stellte ihn neben einen Teller mit leckeren selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen.Sie nahm ein kleines Päckchen, welches sie auf der Fensterbank deponiert hatte und gab es mir. Beruhigend strich sie mir über den Kopf, nahm ein kleines Büchlein, in dem sie sich wohl Notizen machte, und begann, eine ihrer wundersamen Geschichten zu erzählen, wie sie es immer tat, wenn sie mich beruhigen wollte. Wie schön war es doch bei ihr. Im Päckchen, welches ich schnell öffnete, befand sich ein kleines Buch und ein paar kleine Süßigkeiten. Ich sagte danke, lehnte mich zurück, trank etwas Kakao, knusperte an einem Plätzchen und genoß einen Heiligen Abend der besonderen Art.
Warum die Feier der Heiligen Nacht in unserem Hause oftmals so endeten, ich wußte den Grund nicht.

Danke an meine liebe Oma, die mich durch ihre fantasievollen Geschichten, die sie aus dem Stegreif erzählen konnte. zu dem, was ich heute tue, inspiriert hat.



Blick auf das Stahlwerk unterhalb unseres Hauses




Das Haus, in dem ich aufwuchs, gibt es noch

(c) Rolf Glöckner

Freitag, 21. November 2014

Elefantenjagd



Elefantenjagd

Oder wie verschiedene Berufsgruppen Elefanten  jagen

Mathematiker jagen Elefanten, indem sie nach Afrika gehen, alles entfernen, was nicht Elefant ist und ein Element der Restmenge fangen.

Erfahrene Mathematiker werden zunächst versuchen, die Existenz mindestens eines eindeutigen Elefanten zu beweisen, bevor sie mit Schritt 1 als untergeordnete Übungsaufgabe fortfahren.

Mathematikprofessoren beweisen die Existenz eines eindeutigen Elefanten und überlassen dann das Aufspüren und Einfangen eines tatsächlichen Elefanten ihren Studenten.

Informatiker jagen Elefanten, indem sie folgenden Algorithmus ausführen:

Gehe nach Afrika
Beginne am Kap der guten Hoffnung
Durchkreuze Afrika von Süden nach Norden bidirektional in Ost-West-Richtung
Für jedes Durchkreuzen tue:
            Fange jedes Tier, das du siehst
            Vergleiche jedes gefangene Tier mit einem als Elefant
            bekannten Tier
            Halte an bei Übereinstimmung
            Fange.

Erfahrene Programmierer verändern den Algorithmus, indem sie ein als Elefant bekanntes Tier in Kairo platzieren, damit das Programm auf jeden Fall korrekt beendet wird.

Ingenieure jagen Elefanten, indem sie nach Afrika gehen, jedes graue Tier fangen, das ihnen über den Weg läuft und es Elefant nennen, wenn das Gewicht nicht um mehr als 15% von dem eines vorher gefangenen Elefanten abweicht.

Wirtschaftswissenschaftler jagen keine Elefanten, aber sie sind fest davon überzeugt, dass Elefanten sich selbst jagen, wenn man ihnen nur genug dafür bezahlt.

Statistiker jagen das erste Tier, das sie sehen, n-mal und nennen es dann Elefant.

Unternehmensberater jagen keine Elefanten und viele haben noch niemals überhaupt etwas gejagt. Aber man kann sie stundenweise engagieren, um sich gute Ratschläge geben zu lassen.

Systemanalytiker wären theoretisch in der Lage, die Korrelation zwischen Hutgröße und Trefferqoute bei der Elefantenjagd zu bestimmen, wenn ihnen bloß jemand sagen würde, was ein Elefant ist.

Vertriebsbeauftragte jagen keine Elefanten. Statt dessen verbringen sie ihre Zeit damit, Elefanten zu verkaufen, die noch nicht gefangen wurden und versprechen Liefertermine, die mindestens zwei Tage vor Eröffnung der Jagdsaison liegen.

Software-Vertriebsbeauftragte verschicken das erste Tier, das sie fangen, per UPS und schreiben eine Rechnung über einen Elefanten.

Hardware-Vertriebsbeauftragte fangen ein paar Kaninchen, malen sie grau an und verkaufen sie als Schreibtischelefanten.



Beim Aufräumen in alten Unterlagen gefunden

Rolf Glöckner

Montag, 26. Mai 2014

Pechmarie



Pechmarie


Sie erwachte. Alles um sie herum war steril und weiß. Auf einem gleichmäßig vor sich hin piepsenden Monitor sah sie eine grüngezackte Linie dahingleiten. Ihre Herztöne?

War sie in einem Zimmer im Krankenhaus? Wie war sie hierhergekommen?
Sie erinnerte sich nicht. Hatte sie einen Unfall gehabt? Sie griff sich an den Kopf. Ein dicker Verband zierte ihn. Mühsam versuchte sie, sich auf die Seite zu drehen. Eine herabhängende Schnur mit einem Klingelknopf wurde sichtbar. Sie streckte ihre Hand aus und betätigte die Klingel. Nach einer ihr endlos vorkommenden Zeitspanne öffnete sich die Tür und zwei weißgekleidete Gestalten traten ein. „Aha, die Patientin ist wach“, vernahm sie. Eine Frage drängte sich von ihren Lippen. „Wo bin ich hier, was ist mit mir passiert und warum ist mein Kopf verbunden?“ Die Antwort, wohl nicht für sie bestimmt, verwirrte sie. „Dann war die Gehirnerschütterung doch wohl etwas schwerer als zuerst angenommen, verbunden mit einer leichten Amnesie, aber das wird schon wieder, da bin ich sicher.“

Eine Gehirnerschütterung? Wo hatte sie sich die denn zugezogen? Sie erinnerte sich nur noch an den Notruf und dass sie sich auf den Weg gemacht hatte. Danach? Nichts!
Es klopfte an die Tür und eine der weißen Gestalten öffnete. Vor der Tür stand ein Polizist und fragte: „Kann ich nun mit der Verunfallten sprechen?“ „Ja“, wurde ihm geantwortet, „an viel erinnert sie sich aber nicht.“

Der Polizist trat ein, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Und sie erinnern sich nicht, was mit ihnen passiert ist?“ „Nein“, antwortete sie. „Na, dann werde ich ihnen jetzt das erzählen, was unsere Ermittlungen und Zeugenaussagen ergeben haben. Sie sind mit ihrem Auto gegen einen Strommast geprallt und für mehr als zehn Häuser den Strom unterbrochen. Als der Notarzt sie aus dem Auto zog, waren sie nicht bei Bewusstsein und ihre Stirn zierte eine große Platzwunde, die heftig blutete. Nach einer ersten ärztlichen Versorgung fanden wir an der Tür ihres Autos Blut, welches nach Untersuchungen nur von ihnen stammen konnte. Und so sieht unsere Rekonstruktion des Unfalls  aus:

Beim Einsteigen in ihr Auto haben sie sich die Autotür an den Kopf geschlagen, sind aber trotzdem losgefahren, ohnmächtig geworden und haben die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren. Was dann passierte, sagte ich schon, sie fällten einen Strommast.“ Er begann zu schmunzeln. „Und“, sagte er, „sie sind derzeit auf Platz 1 bei uns im Revier.“ Er schmunzelte erneut. „Wir führen dort eine Liste der unglaublichsten Unfälle und die Kollegen haben sie sofort auf Platz 1 gesetzt. Aber seien sie froh, dass ihnen nicht mehr passiert ist. Ungläubig sah sie ihn an und ganz langsam erinnerte sie sich.



© Rolf Glöckner

Dienstag, 4. Februar 2014

Auswurf



Auswurf

Tausende von Jahren hatte ich das Licht der Sonne nicht mehr gesehen. Ich lag eingezwängt zwischen den verschiedensten Steinfragmenten, die aus den unterschiedlichen Erdzeitaltern stammen mochten. Neben mir stach ein spitzer Quarz in meine Seite und es war mir, als ob er ein Loch in meine granitene Haut bohren wollte.
Plötzlich stellte ich eine Veränderung fest. Es wurde wärmer und unbekannte Gase stiegen an meiner Flanke auf. Was geschah dort weit unter mir? Erste knirschende Geräusche wurden hörbar und eine leichte Bewegung um mich herum vermochte ich deutlich zu spüren. Risse entstanden, aus der rötliches Licht hervorquoll.
Ich erinnerte mich. Vor langer Zeit wurde ich wurde ich durch den Einsturz eines Kraters verschüttet. Wurde da etwas aktiv?
Ich verspürte einen immer heftiger werdenden Druck, der sich noch an dem über mir empfindlichen Steinpfropf brach. Da geschah es.
In einer gewaltigen Explosion barst der Deckel über mir. Ich wurde ausgeworfen und flog über der Landschaft dahin. Ich fühlte mich für einen Augenblick frei, dann wurde ich, kaum dass ich den Boden berührt hatte, von einer feurigen Masse überdeckt.
Wieder gefangen!





















© Rolf Glöckner