Schon lange vor dem 6. Dezember, dem Nikolausabend, ging bei ihm die Angst um.
Der Nikolaus sollte kommen und der Knecht Ruprecht, ein dunkler Geselle, würde ihn begleiten. Von ihm wurde erzählt, er würde Kinder, die während des Jahres nicht artig gewesen sein, in einen großen Sack stopfen und mitnehmen und irgendwo, wo er lebte, sollten sie ihre gerechte Strafe bekommen. Die Eltern hatten diese Angst auch noch geschürt, indem sie seine kleinen Nickeligkeiten, die er im Laufe des Jahres begangen hatte, immer wieder zur Sprache brachten.
Und nur war der Tag gekommen, es wurde langsam dunkel und alle hatten sich in der großen Wohnküche versammelt. Er drückte sich in die Ecke des alten Sofas und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als es plötzlich an der Tür klopfte. Man öffnete und herein kam der Nikolaus, angetan mit einem roten Mantel, einen langen Stab in der einen, ein großen Buch in der anderen Hand. An seinem Gürtel war ein kleines Jutesäckchen festgeschnallt und an seinen Stiefeln klebte noch der Schnee. Er wandte sich den Kindern zu, die jetzt etwas erleichtet waren, der Knecht Ruprecht war nicht gekommen, und sprach ihn mit tiefer Stimme, indem er sein großes Buch aufschlug:
"Na, da sehe ich aber Dinge, die ein lieber und ordentlicher Junge nicht tun sollte. Da steht auch, daß Du dem Nachbarn Wasser in seine Holzschuhe geschüttet hast, seine Kaninchen freiliessest, in der Schule nicht immer fleißig gewesen bist, Deinen Eltern Widerworte gabst, nicht immer gehorchen wolltest und was da der Dinge mehr sind. Ich habe hier eine ganze Seite meines Buches vollgeschrieben." Er duckte sich verängstigt und wartete auf die wohl nun folgende Strafpredigt. Erst aber waren Bruder und Cousine dran, auch mit den Beiden hatte er einiges zu besprechen. Als er fertiggesprochen hatte, nestelte er den kleinen Jutesack von seinem Gürtel, warf ihn zu Boden und sagte: "Wenn Ihr mir aber versprecht, wieder artig zu sein, so habe ich Euch doch etwas mitgebracht, das ihr unter Euch aufteilen sollt."
Da plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der Knecht Ruprecht stand im Raum. schrecklich anzusehen und dunkel gekleidet mit einem Pelz, eine Pelzmütze auf dem Kopf, ein schrecklicher schwarzer Bart stand von seinem Gesicht ab, welches ebenfalls schwarz war. Um seinen Bauch war eine rostige Kette gewickelt und and den Füßen trug er hohe schwarze Stiefel.
Aber das Erschreckendste, welches er bei sich trug, war ein oben zugebundener großer Sack, aus dem zwei Schuhe herausragten.
Da war aller Mut dahin und während seine Cousine laut aufschrie, der Bruder wie erstarrt auf seinem Stuhl saß, schoß er, so schnell er konnte, unter das Sofa. Dort blieb er, bis die beiden, der Nikolaus und sein Knecht, Gott sei Dank, ohne jemanden in den Sack zu stecken, gegangen waren und er schwor sich, im nächsten Jahr artig und fleißig zu sein.
Erst nach einer Stunde traute er sich unter dem Sofa hervor, denn da war ja noch der kleine Sack, da sollte ja etwas darínnen sein. Und so gab es Süßigkeiten, für jeden eine Apfelsinde und viele Nüsse.
Am nächsten Morgen, als er das Ereignis vom Vorabend Revue passieren liess, kamen ihm einige Dinge merkwürdig vor. Warum hatte Knecht Ruprecht einen Pelz an, der wohl seiner Mutter gehörte? Und warum hatte der Nikolaus Stiefel an, die seinem Onkel Hans gehörten? Fragen über Fragen, für die er wohl keine Lösung finden würde. Im nächsten Jahr aber war alles anders, da war er ja schon, weil inzwischen Schüler, viel aufgeklärter!
(c) Rolf Glöckner

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