Donnerstag, 19. Dezember 2013

Warum ich bis heute keinen Sago mag



Warum ich bis heute keinen Sago mag:

Ich hatte Geburtstag. Welcher es war, kann ich heute nicht mehr sagen, aber für eine Leseratte, die alle Bücher, die sie in die Finger bekam, sofort verschlang, war bei den Geschenken natürlich auch ein Buch. Noch heute weiß ich den Titel. Es hieß: „Jan und Piet bei den Kannibalen“ und handelte von dem Seemann Jan und Piet, einem Jungen, wohl in meinem Alter.

   Ein Sturm in der Südsee hatte sie auf eine Insel verschlagen. Dort waren sie von Eingeborenen aufgenommen worden und sie lebten mit diesen eine Zeit zusammen, so lange, bis sie ihr Schiff wieder instand gesetzt hatten und weiterfahren konnten. Während ihres Aufenthaltes erfuhren sie aber, dass die Eingeborenen Kannibalen waren und große Angst überkam sie. Der Häuptling aber beruhigte sie mit der Bemerkung, dass das Fleisch der Weißen stinken würde. Doch nun die Erklärung, warum ich bis heute keinen Sago mag.

   Auf der Insel wuchsen Sagopalmen, die den Eingeborenen allerlei zu ihrer Ernährung beisteuerten.
Unter anderem zogen sie aus dem Mark des Stammes große Maden heraus, die sie mit großem Genuss verspeisten. Und nun, nach vielen Jahren konnte ich diese Maden sehen. Bei einem Besuch des Bremer Weihnachtsmarktes stand auch das Überseemuseum auf dem Programm und dort waren sie ausgestellt:



Es sind die Maden einer in Südostasien lebenden Art des Nashornkäfers, die sich im Inneren der Sagopalme von deren Mark ernähren und als ein guter Eiweißlieferant den Eingeborenen als eine Leckerei dienen.
Mich graust es noch heute bei dem Gedanken. Meine Neugierde aber war geweckt und ich schaute, ob dieses Buch noch irgendwo im Handel erhältlich sei und wirklich, es ist noch lieferbar!

http://www.amazon.de/Jan-Piet-bei-den-Kannibalen/dp/B005GT77AQ/ref=tmm_hrd_title_0?ie=UTF8&qid=1387453533&sr=8-1

Sagopalme (Beschreibung aus Wikipedia)
Die Arten der Gattung Metroxylon gehören zu den so genannten Echten Sagopalmen. Sie erreichen ein Alter von etwa 15 Jahren. Junge Sagopalmen wachsen strauchartig und haben dornenreiche Blätter. Sagopalmen erreichen Wuchshöhen von bis zu 20 m und 60 cm Stammdurchmesser. Die mit oft stacheligen Blattscheiden bedeckte Rinde ist etwa 6 cm dick. Die nach innen folgende Gefäßbündelschicht umschließt ein bis 50 cm dickes stärkehaltiges Mark, aus dem das Sago gewonnen wird. 

 © Rolf Glöckner

Mittwoch, 18. September 2013

Das schwarze Schaf



Das schwarze Schaf

Es war Geburtstag, immer war in der großen Familie Geburtstag. Im großen Wohnzimmer saßen alle beieinander, der Tisch war reichlich gedeckt und wie immer thronte die Großmutter über allen Familienmitgliedern.
   Sie schaute herrisch in die Runde und das Gemurmel verstummte. Die Kinder schwiegen verschreckt und hielten die Köpfe gesenkt. Nur nicht auffallen!  Was würde denn nun wieder passieren, wen würde es denn dieses Mal treffen. Immer begann eine solche Geburtstagfeier damit, dass einer aus der Runde den Zorn der Oma abbekam, es hatte schon fast Tradition.

   Die Großmutter ergriff mit ihrer hart klingenden Stimme das Wort:
„Wir sind zusammengekommen, um meinen siebzigsten Geburtstag zu begehen!“ Das Wort „feiern“ war in ihrem Sprachschatz augenscheinlich nicht vorhanden. Sie wandte sich ihrem jüngsten Sohn zu und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Mir ist da etwas zu Ohren gekommen! Ich würde von dir gern wissen, wo du dich in der letzten Woche herumgetrieben hast?“ Ihr Sohn bekam einen knallroten Kopf. „Ich war für eine Woche auf einer Baustelle bei Münster!“ Es war nicht ungewöhnlich, dass er auf weiter entfernten Baustellen eingesetzt wurde, sein Beruf als Zimmermann brachte es oft mit sich.

   „Du lügst, dein Polier war hier und hat nach dir gefragt. Wo warst du? Immer wieder bringst du unsere Familie in Verruf, ständig wird über dich im Dorf geredet. Wo warst du also? Rede!“
Sein Neffe, für den er der Lieblingsonkel war, sprang auf und kletterte auf seinen Schoß. Dort richtete er sich zu seiner ganzen elfjährigen Größe auf und schrie mit zitternder Stimme empört: „Warum hackst Du immer wieder auf ihm herum, Oma, warum meinst du immer, dass alles, was er tut, auf die Familie zurückfällt? Warum immer er? Warum sagst du immer wieder, er sei das schwarze Schaf der Familie?
Ich habe ihn vorgestern beim Zirkus, der auf dem großen Platz neben der Kirche gerade sein Zelt aufbaut, gesehen. Er stand dort mit einer Frau, die eine große Schlange um den Hals trug, ich fand das toll und aufregend!“
Da hatte er aber etwas gesagt! Entsetzen machte sich bei Schwestern und Brüdern breit. Nicht nur, dass ihr Nesthäkchen es mit dem Gesetz manchmal nicht so genau nahm, er hatte ein paar kleine Strafen wegen Wilddieberei und anderen Übertretungen auf seinem Konto, ließ er sich jetzt auch noch mit einer Schlangentänzerin aus dem Zirkus ein. !
Auf verständnisloses Kopfschütteln folgte ein eisiges Schweigen und der Onkel wandte sich an seinen Neffen, sah ihn lange an und sagte dann: „Sei du vorsichtig in deinem Leben, sonst bist auch du später einmal das schwarze Schaf!“
…… und es geschah!


© Rolf Glöckner

Freitag, 14. Juni 2013

Bücherregalzwerge


Bücherregalzwerge

Klaus, ein Junge von elf Jahren, für sein Alter sehr groß und kräftig, flegelte sich in seinem Zimmer auf einen Sitzsack, um nach dem anstrengenden Schultag ein wenig zu lesen. Er griff sich ein Buch aus dem an der Schmalwand des Zimmers stehenden Bücherregals. Langsam kam er zur Ruhe, nachdem er auf dem Nachhauseweg wieder von einigen Klassenkameraden gehänselt worden war. Dauernd machten sie sich über ihn lustig. „Storch im Salat, Bohnenstange, langer Lulatsch“, das waren noch die harmlosesten Ausdrücke, mit denen sie ihn zu beleidigen suchten. Immer wieder ging er ihnen aus dem Weg. Er hasste seinen Nachhauseweg und war froh, sich auch heute nicht auf einen Streit eingelassen zu haben.

Er begann zu lesen. Nachdem er einige Seiten überflogen hatte, störte ihn ein leises, schleifendes Geräusch. Er lauschte. Nichts zu hören. Er vertiefte sich wieder in sein Buch. Da war es wieder, dieses merkwürdige Geräusch. Er stand auf und wollte feststellen, woher denn diese Laute kamen. Da sah er es! In seinem Bücherregal bewegte sich etwas! Bücher wurden ganz langsam an den vorderen Rand des Regalbrettes geschoben, vom linken Rand des Regals ausgehend.

Vorsichtig, den Atem anhaltend, bewegte sich Klaus auf sein Bücherregal zu, postierte sich am rechten Rand und als ihn das Bücherverschieben fast erreicht hatte, zog er das vorletzte Buch heraus und sein Blick war frei auf ein kleines Wesen, angetan mit einer blauen Jacke, einer schwarzen Hose, kleinen schwarzen Stiefeln und auf dem Kopf trug es eine Zipfelmütze.

Ein Zwerg, in seinem Bücherregal wohnte ein Zwerg, das gab es doch nicht! Beherzt griff er zu, doch der kleine Mann verschwand mit trippelnden Schritten hinter den Büchern. Ich werde dich schon kriegen, dachte Klaus und nahm weiter links ein Buch heraus, ließ es zu Boden fallen und versperrte dem Zwerg mit seiner Hand den Weg.

Nun begann er, beruhigend zu sprechen. „Komm hervor, ich werde dir nichts tun, ich bin nur so überrascht, dass solche wie du in meinem Bücherregal leben, nun zeige dich schon!“ Eine piepsige Stimme kam hinter den Büchern hervor: „Auch wirklich nicht?“ „Nein“, antwortete Klaus, „wirklich nicht!“. Ein Buch bewegte sich nach vorn, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich und zwischen den Büchern stand er, ein richtiger Zwerg.

Der kleine Mann sprach mit seiner piepsigen Stimme: „Wir wohnen schon lange hier, es wurde erst schwierig, als das Regal aufgebaut wurde, wir mussten uns hinter den Büchern entlang quälen, um unseren Ausgang in die Draußenwelt zu erreichen. Soll ich es Dir etwas zeigen?“ Klaus nickte erstaunt. Die Zipfelmütze verschwand für einen Augenblick, an der Wand hinter dem Zwerg blitze es kurz auf und es entstand, deutlich sichtbar, eine Tür. Der Zwerg stieß mit seinem spitzen Finger in ein Schlüsselloch und die kleine Tür öffnete sich. Dahinter tat sich ein Raum auf, mit kleinen Möbeln ausgestattet und darin saßen, um einen Tisch versammelt, eine Zwergenfrau und drei winzige Zwergenkinder. Klaus schaute hinein und sagte leise: „Guten Tag zusammen, ich habe ja nicht gewusst, was sich in der Wand hinter meinen Büchern an Wundersamen verbirgt. Niemals würde ich davon erzählen, es soll für uns ein Geheimnis bleiben, dass verspreche ich! Außerdem würde mir ja doch niemand glauben, denn Zwerge, sie gibt es ja nur in Märchen und nicht in der Wirklichkeit!“

Der Zwergenmann wandte sich Klaus zu und sagte: „Wenn du uns das versprichst, können wir dir helfen, denn wir Zwerge verfügen über Zauberkräfte, die dir bestimmt von Nutzen sein können. Also, wenn du unsere Hilfe benötigst, nimm das eine Buch, hinter dem sich der Eingang zu unserer Wohnung befindet, heraus und klopfe an die Wand, ich komme heraus, mir deine Wünsche anzuhören und nun stelle das Buch wieder ins Regal, wir möchten jetzt ungestört zu Abend essen.“ Er lächelte Klaus aufmunternd zu, schloss die Tür und die Öffnung verschwand. Nur die normale Wand war noch zu sehen. Seltsam, das alles! Klaus, ziemlich verwirrt, hob das Buch vom Boden auf und schloss die Lücke im Bücherregal.

Der Junge setzte sich auf seinen Sitzsack und dachte nach. Wobei sollten ihm die Zwerge denn helfen? Ihm ging es gut, nur die Schule, besonders der Schulweg, da gab es etwas. Lange überlegte er und dann hatte er plötzlich eine Idee. Die ihn ständig hänselnden Mitschüler, die hätten wohl eine Strafe verdient, man sollte ihnen ihre Bösartigkeiten heimzahlen. Sein Plan nahm Gestalt an.

Seine Idee, wie der zauberkundige Zwerg ihm helfen könnte, ließ ihn nicht los und nach dem Abendessen ging er hinauf in sein Zimmer. Sollte er den Zwerg wirklich um Hilfe bitten? Etwas böse war die Idee schon, aber den Quälgeistern geschah es recht, nein, es sollte geschehen, gleich morgen. Zögernd ging er auf das Bücherregal zu, nahm das Buch heraus und klopfte mit dem Zeigefinger ganz vorsichtig an die Wand.

Die Tür zur Zwergenwohnung öffnete sich. Der kleine Mann trat heraus, legte seinen Kopf in den Nacken und sah Klaus abwartend an. Der stotterte los: „Herr Zwerg, ich würde gern auf deine Hilfe zurückgreifen, ich bin Klaus.“ Der Zwerg antwortete ihm: „Ich bin Tanuck und nun sage mir, was ich für dich tun kann.“ Klaus berichtete von dem, was ihm fast jeden Tag auf dem Nachhauseweg passierte und wie ihn das ständige Anmachen bedrückte.

Tanuck schüttelte abwägend seinen kleinen Kopf und die Zipfelmütze hüpfte auf und ab. „Ich wüsste, was ich für dich tun könnte, du musst mir nur sagen, wann dein Unterricht beendet sein wird und du dich auf den Heimweg machst. Rufe dreimal meinen Namen und ich werde bei dir sein. Wenn du möchtest, gleich morgen, da habe ich genügend Zeit.“ Klaus schaute ihn erstaunt an. „Und was wird dann geschehen?“, fragte er seinen Gegenüber. „Lass dich überraschen.“, antwortete dieser.“

Dann verschwand er in seiner Tür und die Wand schloss sich spurlos. Am nächsten Morgen griff Klaus aufgeregt seinen Rucksack und machte sich auf den Weg in die Schule. Heute war nicht sein Tag und so war er froh, als es klingelte und die letzte Stunde zu Ende war. Er machte sich auf den Heimweg.

Und es geschah, was immer geschah! Die vier Quälgeister begannen auch heute wieder, ihn mit ihren dummen Sprüchen zu nerven. „Langer, wie ist die Luft da oben? Riesenbaby, Lulatsch und noch viele andere böse Wörter musste er sich anhören Da riss ihm der Geduldsfaden und er rief: „Tanuck, Tanuck, Tanuck!“  Kaum war sein Ruf verhallt, da schoss ein Blitz vom Himmel, traf den ersten der Bösewichte, sprang auf den Zweiten, den Dritten und den Vierten. Eine merkwürdige Änderung ging mit ihnen vor. Sie wuchsen und wuchsen, wurden dabei pfahldünn und schon bald überragten sie den Kirchturm des Dorfes. Dieser Zustand hielt einige Minuten an, dann nahmen sie mit einem lauten Knall wieder ihre normale Gestalt an.

Angstvoll schauten sie auf Klaus, dann drehten sie sich, wie vom Teufel verfolgt, um und rannten davon, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Klaus hörte eine leise Stimme und dann sah er ihn, den kleinen Zwerg! Er saß auf einer Bank am Wegesrand, winkte ihm zu und in einem flirren war er verschwunden. Klaus ging heim und behielt alle Geheimnisse für sich, obwohl später im Dorf Gerüchte umliefen, etwas Sonderbares hätte sich ereignet. Der Junge aber lachte nur und im Stillen dankte er seinem Zwergenfreund für die Hilfe, denn er hatte seinen Quälgeistern eine Lehre erteilt.

Doch so oft er auch an die Wand klopfte, nie sah er seinen Zwergenfreund wieder.

© Rolf Glöckner

Montag, 20. Mai 2013

Verlosung von "Spiegelwelten Die zwölf Bücher"


Die Gewinner sind gezogen!
 
And the Winners are:
 
denn da ich ein zweites Buch verlose, gibt es zwei Gewinner:
 
diese sind:
 
Nina Wonderworld (bitte melden!!!)
 
und
 
Illaris Gondor (ausgeliefert)
 

Ich werde mich mit den Gewinnern unverzüglich in Verbindung setzen, da ich ja die Versandadresse benötige. Viel Spaß aber schon einmal beim Lesen.

Für alle Anderen:  Danke für Eure Teilnahme aber ich habe ja noch 6 Bücher a 10€ (+ Porto) oder es bleibt das EBook

Und das war der Hut, aus dem ein Freund die Gewinner gezogen hat:



Heute verlose ich ein weiteres Mal ein Exemplar meines "richtigen" Buches "Spiegelwelten Die zwölf Bücher"

an diejenigen, die in meinem Blog ihren Kommentar hinterlassen. Bitte geben Sie im Kommentar auch ihre Mail-Adresse an, damit ich mich mit Ihnen, falls Sie gewinnen sollten, in Verbindung setzen kann.

Die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen, endet am 31. Mai  2013. Eine Lesprobe finden sie in meinem EBook, folgen Sie dazu dem Link, den ich angegeben habe.

http://www.neobooks.com/werk/19283-spiegelwelten-die-zwoelf-buecher.html

.... und so sieht das Buch aus:


Und nun viel Spaß und ich hoffe auf rege Beteiligung.

Wer nicht gewinnt, das Buch gibt es sowohl als EBook zu einem Preis von 3,99 € bei neobooks.com, Amazon, Weltbild, Thalia, lovelybooks und vielen anderen. Im gleichen Zeitraum gibt es das richtige Buch nur bei mir zu einem Sonderpreis von 10,00 € + Porto (Inland 1,45€, europäisches Ausland 3,45€)

Ihr

Rolf Glöckner

Donnerstag, 16. Mai 2013

Spiegelwelten Die zwölf Bücher - Leseprobe-






Spiegelwelten Die zwölf Bücher

Ein Fantasyroman von
Rolf Glöckner 

Leseprobe

 

Kapitel 1

Der alte Boden


       Der Abend schlich dahin.
Im alten Gebäude war es ruhig, nur das gelegentliche Knacken des Dachgebälks und das Rauschen der Blätter der großen Pappeln draußen am Graben, der den Garten abschloss, waren zu hören. Im angrenzenden Buchenwald spielte der Wind mit den Zweigen und trug mannigfaltige Geräusche und Tierlaute zum Haus hinüber.
Die Kinder Carolyn und Tom lagen in Toms kleinem, gemütlichem Zimmer auf dem uralten Perserteppich und schmökerten in Büchern, die sie vor noch gar nicht langer Zeit auf dem Speicher gefunden hatten. Plötzlich erschütterte ein lauter Knall, vom Dachboden ausgehend, das Haus in seinen Grundfesten.
Tom, ein Junge von etwa vierzehn Jahren, für sein Alter relativ groß, mit kurzem, wirbeligem, blondem Haar, schaute überrascht auf. Auch seine Schwester, ein wenig jünger als er und ebenfalls blond,  aber langhaarig, fuhr von ihrer Lektüre, in die sie gerade vertieft war, erschrocken hoch.
Den Kindern war aufgrund dieses Lärms ein wenig unwohl. Ihre Eltern hatten ihnen, als sie gemeinsam das Haus verließen, mitgeteilt, dass sie alte Bekannte besuchen wollten und es aus diesem Grund spät werden könne, bis sie wieder zurückkämen. Nun fühlten sich die Geschwister ein bisschen allein und Carolyn fragte ihren Bruder ängstlich: „Was war denn das eben?“
„Ach, da werden wir wohl vorhin beim Bücherkramen etwas unvorsichtig gewesen sein. Es ist wahrscheinlich auf dem Speicher irgendetwas umgefallen, das wir zuvor aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Wir können ja mal gemeinsam hinaufgehen, nachschauen und es wieder richtig hinstellen, damit die Eltern nicht schimpfen, falls sie bemerken, dass wir oben gestöbert haben. Du weißt, sie mögen nicht, dass wir allein auf dem Dachboden herumwühlen“, antwortete Tom und fuhr, fast wie zu sich selbst, nachdenklich fort: „Manchmal denke ich wirklich, sie haben irgendetwas zu verbergen.“
Tom war sich sicher, dass die Eltern nicht einverstanden waren, wenn sie sich in deren Abwesenheit dort aufhielten. Ihr Vater hatte dazu sehr deutliche Worte verlauten lassen. Allerdings bestätigte das Tom wieder in seiner Ansicht, auf dem Speicher sei unter Umständen etwas Geheimnisvolles versteckt, und manchmal glaubte er sogar, dass auf dem alten Hausboden nicht alles mit rechten Dingen zugehe.
Beispielsweise waren seine Mutter und sein Vater einmal gemeinsam hinaufgestiegen, aber schon nach kurzer Zeit vollkommen anders bekleidet wieder heruntergekommen. Das war doch wirklich äußerst seltsam! Was dort oben wohl vor sich gegangen war? Auf Nachfragen der Kinder antworteten die Eltern aber nur sehr ausweichend und erklärten auch mit keinem Wort ihre unterschiedliche Kleidung.
„Na ja, gehen wir eben einmal nachsehen“, antwortete Carolyn widerstrebend, obwohl ihr überhaupt nicht wohl bei dieser Angelegenheit war. Sie mochte nämlich den alten Speicher mit seinen dunklen Ecken und auch die knarrende alte Holztreppe, die steil ins Dunkel führte, nicht sonderlich.
Vorsichtig, fast auf Zehenspitzen und möglichst ohne irgendwelche Geräusche zu verursachen, stiegen die Kinder die steile, alte Bodentreppe hinauf und öffneten die mit rostigen eisernen Bändern beschlagene Tür. Diese schwang knarrend auf und die Geschwister tauchten ein in das Dunkel des alten, staubigen und mit Spinnweben durchzogenen Raumes. Dieser war bis in den letzten Winkel vollgefüllt mit Kisten, Sperrmüll und was man sonst noch auf einem Boden zu deponieren pflegt.
Ein seltsames Licht entströmte dem hinteren Bereich des Speichers.
Dort, von wo aus das Licht herüber schien, hatten ihre Eltern eine Menge alter Möbel und anderes Gerümpel abgestellt, die in der Mehrzahl wohl noch aus der Zeit der Ururgroßmutter stammten. Aus Erzählungen ihrer Großmutter wussten die Kinder von recht absonderlichen und geheimnisvollen Gerüchten um diese merkwürdige, schon lang verstorbene Ahne. Manche Menschen, die einige der so unglaublich erscheinenden Geschichten von ihren Vorfahren erzählt bekommen hatten, munkelten sogar, sie sei einmal eine in ihren Kreisen sehr geachtete weiße Hexe gewesen.
Den Kindern war es nicht ganz geheuer, aber sie bewegten sich beide tapfer auf das Licht zu, das in der Dunkelheit des Dachbodens vor sich hin zu wallen schien. Mit einem Mal vernahmen sie ein trippelndes Geräusch hinter sich. Eine Maus, die bestimmt auf dem Speicher zu Hause war und sich von den Kindern erschreckt fühlte, lief in Richtung des Lichtes, das aus einem großen alten Spiegel hervortrat. Sie sprang direkt in das merkwürdige Licht hinein und war, verbunden mit einem leisen Geräusch, urplötzlich verschwunden.
„Was war denn das?“, entfuhr es Tom.
Er näherte sich sehr vorsichtig dem hell leuchtenden Spiegel. Im Vorbeigehen nahm Tom einen alten, knorrigen Stock, der an einem der Schränke lehnte, in die Hand und berührte mit diesem vorsichtig die wie Glas erscheinende Oberfläche.
Nichts geschah! Die Spitze des Stockes verschwand vollständig und ohne jeden Widerstand in dem aufwallenden Licht!
Wie merkwürdig!
Carolyn schrie unvermittelt auf, als Tom, mutig wie er in seinem jugendlichen Alter war, seinen Kopf mitten in dieses Licht hineinsteckte.
„Halt, Tom, du weißt ja gar nicht, was auf der anderen Seite auf dich wartet. Vielleicht ist es gefährlich, sei doch bitte vorsichtig!“
Tom wedelte wild mit den Armen, sein Kopf blieb aber vorerst noch verschwunden. Dann, nach einer geraumen Zeit, tauchte der obere Teil des Jungen wieder auf.  Er rief total begeistert:
„Carolyn, so schau doch nur, dahinter liegt eine vollkommen fremdartige, geheimnisvolle Welt! Wir sollten sie uns einmal anschauen, meinst du nicht auch? Ich sehe einen dichten Wald und inmitten dieses Waldes befindet sich eine große, aus alten Steinen aufgetürmte Burg. Komm doch mit, es ist sicher nicht gefährlich, alles sieht so friedlich aus dort drüben. Das müssen wir uns einfach näher ansehen, hinter dem Licht hier verbirgt sich, ich habe es ganz deutlich gesehen, eine neue, völlig andere Umgebung! Das ist doch sicher wahnsinnig spannend! Die Maus ist ja vorhin auch dorthin gegangen, also warum sollten ausgerechnet wir das dann nicht können?“



Kapitel 2
     Die Entscheidung fällt

    Vorbereitungen

Die beiden Kinder starrten sich an.
„Sollen wir wirklich?“, flüsterte Carolyn. „Wir wissen doch überhaupt nicht, was uns dort drüben erwartet und was passiert, wenn wir vielleicht den Rückweg nicht mehr finden. Ein wenig bange ist mir schon.“
„Ach“, meinte Tom beschwichtigend, „sei doch nicht so ängstlich, wir werden uns für dieses Abenteuer jetzt erst einmal richtig ausrüsten. Wir müssen wohl eine ganze Menge einpacken, eine Taschenlampe, Taschenmesser, eine Regenhaut, einen Rucksack und, und, und, und  ...“ 
Tom geriet ins Aufzählen all der vielen Dinge, die er auf die Reise mitzunehmen gedachte, worauf Carolyn laut zu lachen begann und fragte: „Aber wer, glaubst du, soll denn das alles tragen?“
Tom, der stets praktisch dachte und handelte, antwortete rasch: „Jeder nimmt einen Rucksack, oh, und vielleicht auch ein Seil, falls wir irgendwo klettern müssen, sowie eine Wurst, Brot, eine große Flasche Wasser und etwas Süßes.“
„Und festes Schuhwerk und warme Kleidung“, fügte Carolyn aufgeregt hinzu. „Also, lass uns schnell nach unten gehen und alles einpacken.“ 
Eilig verließen sie den unheimlichen Ort und stiegen wieder die dunkle, laut knarrende Stiege hinunter, um alles das, was sie gedachten, mitzunehmen und in ihre Rucksäcke zu packen. Als alles gut verstaut war, machten sie sich, schwer beladen mit ihrem Gepäck, auf den Weg die alte Treppe hinauf und betraten, nun doch mit reichlich Herzklopfen abermals den rabenschwarzen, fast völlig dunklen Dachboden.
Das irisierende Licht aus dem Spiegel erhellte jetzt nur ganz schwach den hinteren Teil des Raumes. Während sie beide auf das Licht zugingen, hob Carolyn ein uraltes, in Leder gebundenes Buch vom Fußboden auf, das dort vorher noch nicht gelegen hatte, nahm ihren Rucksack von den Schultern und verstaute das Buch sorgfältig darin.
„Warum willst du dich bloß mit dem Schmöker abschleppen?“, fragte Tom seine Schwester erstaunt.
„Ich weiß nicht, in mir war plötzlich eine Stimme, die mir sagte, ich solle dieses alte und auch ziemlich schwere Buch mitnehmen, es könnte uns auf der anderen Seite des Spiegels noch von großem Nutzen sein“, antwortete Carolyn selbst etwas verwirrt.
„Dann gehen wir jetzt endlich, und wenn es uns auf der anderen Seite des Spiegels überhaupt nicht gefällt oder es dort zu gefährlich wird, kehren wir sofort um, das verspreche ich dir“, beruhigte Tom Carolyn. Dann begannen sie vorsichtig, sich dem schillernden Licht in der Ecke des Bodens zu nähern.
Schließlich standen die Kinder direkt vor dem Spiegel. Das Licht irisierte in den verschiedensten Farben und es kam ihnen so vor, als wenn auch die unterschiedlichsten Geräusche zu vernehmen seien. Das Herz klopfte Carolyn inzwischen bis zum Hals und auch Tom war unruhiger, als er zugeben wollte.

Gefangen

Marc und June sahen sich an und waren ratlos.
„Was sagen wir jetzt den Kindern, wenn wir nicht früh genug zurückkommen?“, fragte June ihren Mann. Der schüttelte nur den Kopf und antwortete nichts darauf. Stattdessen begann er, die aus einem seltsamen Material hergestellte Wand ihres Gefängnisses sorgfältig zu untersuchen.
„Wie sollen wir hier nur jemals wieder herauskommen?“, wollte June in verzweifeltem Ton wissen.
„Geduld!“, antwortete ihr Mann. „Lass mich einmal schauen.“
Akribisch tastete er die Wände ab und bemerkte, fast nicht zu sehen, eine kleine unscheinbare Rille, die sich in einem Oval an der Wand entlang zog.
„Hier ist etwas!“, stieß er aufgeregt hervor. 
Marc zog ein kleines Messer, das man ihm wohl vorher versehentlich nicht abgenommen hatte, aus der Tasche und fuhr damit vorsichtig an der dünnen Rille entlang. Plötzlich spürte er einen kleinen Widerstand und verstärkte den Druck des Messers noch ein wenig. Mit einem leisen Knirschen öffnete sich nun die Wand.
Schnell versuchten beide, hineinzugreifen. June riss ein Kissen von der Liegestatt des Raumes und presste es in den jetzt schon weit aufklaffenden Spalt. Nun konnte sich dieser wenigstens nicht mehr so leicht schließen. Mit aller Kraft drückten sie gemeinsam die Platte zur Seite.
„Nun könnte es gehen“, meinte Marc schließlich. „Steigen wir hinaus, damit wir feststellen können, wo wir uns überhaupt befinden und ob es gelingt, uns zu befreien. Uns im Schlaf einfach zu betäuben und zu verschleppen … Da waren wir wohl doch etwas zu unvorsichtig.“
Sie gelangten in einen von diffusem Licht erfüllten Gang, an dessen Ende sich eine Tür zu befinden schien. Gemeinsam gingen sie darauf zu. Die Tür ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen.
Nachdem sie zögernd hindurchgegangen waren, fanden sie sich in einem großen Raum wieder, der angefüllt war mit den unterschiedlichsten Geräten, Skalen und etwas, das wie ein großes Steuerpult aussah. Marc näherte sich dieser Stelle, um sie genauer zu inspizieren.
„June!“, rief er, „Komm bitte mal her, ich glaube, wir befinden uns in der Luft. Von hier aus kannst du es sehen!“
Erschrocken blickten sie hinaus: Direkt vor ihnen waren Wolkengebilde, die sich hoch auftürmten.
„Und was tun wir nun?“, wollte June endlich wissen.
„Ich versuche, dieses Pult zu verstehen, und dann will ich versuchen, wieder zurück auf die Erde zu gelangen“, antwortete Marc. Sie nickten sich zu.


Kapitel 3
Was passiert hier?

Überraschendes

„So, da wären wir!“, flüsterte Carolyn. „Und nun?“
„Ach“, antwortete Tom, „ganz einfach, wir steigen jetzt durch den Spiegel und schauen uns auf der anderen Seite um, bevor wir uns zu der Burg oder was auch immer dieses alte Gebäude sein mag, auf den Weg machen.“
„Du solltest aber vorher noch einmal hindurchschauen, damit wir auch sicher sind, dieses fremde Land ungefährdet betreten zu können. Vielleicht ist es dort inzwischen ja dunkel“, wisperte Carolyn und schüttelte sich. „Schau auch mal nach unten, wir wissen ja noch gar nicht, ob wir nicht herunterfallen oder vielleicht sogar ein Seil brauchen, um in diese fremde Welt hinab zu gelangen. Etwas Angst habe ich schon und wenn unsere Eltern zurückkommen und wir dann nicht in unseren Zimmern sind, was werden sie dann wohl denken, wo wir uns gerade aufhalten.“
Tom versuchte, Carolyn wieder etwas zu beruhigen und meinte deshalb ganz lässig: „Wird schon nichts passieren. Ich stecke zu deiner Beruhigung erst noch einmal den Kopf durch das Licht, bevor wir tatsächlich durch den alten Spiegel hindurchgehen.“
Er bewegte sich auf die leuchtende Stelle zu, legte seinen Rucksack ab, nahm die Taschenlampe in die Hand, hielt erst vorsichtig einen Finger in das wabernde Licht des Spiegels, und als bis auf ein leichtes Kribbeln nichts geschah, steckte er, wie er es ja schon einmal getan hatte, seinen Kopf hindurch. Er zog ihn mit einem lauten Aufschrei jedoch sofort wieder zurück.
„Was ist?“, fragte Carolyn nun äußerst beunruhigt.
„Das ist nicht das, was ich vorhin gesehen habe. Komm, schau du doch einmal hindurch, und dann sag mir, was du siehst.“
„Nein“, jammerte Carolyn, „ich habe Angst, lass uns lieber nicht alleine gehen. Was hast du denn überhaupt dort gesehen?“
„Ich sah eine Stadt, wie ich noch nie eine in meinem Leben kennengelernt habe, mit hohen Türmen, Flugwagen, die sich zwischen den Türmen hin und her bewegten, einem großen See am Rande der Stadt und so etwas ähnlichem wie einen Park voll seltsamer Bäume, Pflanzen und Tiere.“
Carolyn begann zu schluchzen. „Ich habe schreckliche Angst, lass uns lieber damit aufhören, du!“
Ein seltsam schmatzendes Geräusch unterbrach Tom, der seiner Schwester gerade eine Antwort geben wollte. Das Licht verdunkelte sich und eine große Gestalt stand plötzlich vor ihnen. Aus der Brusttasche der Jacke dieser Gestalt schaute ein kleiner Kopf mit großen runden Augen hervor, der mit piepsiger Stimme sprach:
„Ich glaube, sie haben uns und unseren Weg in die Welten des Spiegels entdeckt!“
„Onkel Hans!“, stöhnte Carolyn auf. „Wie kommst du denn hierher?“
Hans, ein Bruder ihrer Mutter und zugleich ein wenig auch das schwarze Schaf der Familie, nahm sie beruhigend in den Arm, strich ihr über den unbändigen Haarschopf und antwortete leise:
„Das ist eine lange Geschichte, Carolyn, ich glaube, es ist an der Zeit, euch einiges davon zu erzählen. Lasst uns also nach unten gehen. Ihr schildert mir, wie ihr den Spiegel gefunden habt, und ich werde euch dazu einige Erklärungen liefern. Und sagt doch bitte einfach ‚Hans‘ zu mir, das ‚Onkel‘ könnt ihr getrost weglassen.“

Absturz und Flucht

Marc vertiefte sich gelassen - um sie herum war es vollkommen ruhig - in die Steuerung unmittelbar vor ihm. Einige der zahlreichen Beschriftungen konnte er entziffern, andere versuchte er, so gut es ging, wenigstens zu ergründen und dabei die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Instrumenten festzustellen.
„Okay“, sagte er, „dieser Hebel hier reguliert wohl die Höhe dieses Flugkörpers; das da scheint etwas mit der Steuerung nach oben und unten zu tun zu haben, und dieser Drehschalter reguliert offensichtlich die Geschwindigkeit. Ich versuche es nun einfach einmal.“
Er drehte ganz langsam an dem Hebel und eine Anzeige veränderte sich zu einer Instrumentenposition hin, die er glaubte, als Null zu erkennen.
„Jetzt versuche ich, noch ein bisschen tiefer zu gehen.“
Er bewegte wieder einen der Hebel. Auf einer großen Glasplatte, die plötzlich durchsichtig wurde, konnte er jetzt nach draußen schauen: In weiter Ferne tauchte gerade so etwas wie ein Horizont auf. Langsam bewegte Marc den Hebel weiter und der Horizont kam näher.
„Musst du nicht auch die Geschwindigkeit etwas drosseln, wenn du landen willst?“, fragte June.
„Ja“, erwiderte Marc, „das werde ich jetzt als nächstes versuchen. Wenn ich diesen Hebel dort betätige, ergibt das ja unter Umständen eine Richtungsänderung.“
Er versuchte es und langsam wanderte der Horizont tatsächlich nach links.
„Und nun zur anderen Seite, das scheint ja glücklicherweise sehr einfach zu sein. Nun versuchen wir zu landen.“
Konzentriert bewegte er die Hebel und Drehschalter, als June plötzlich ausrief: „Hier waren wir doch schon einmal! Das ist die Burg dieser beiden komischen Vögel. Versuche doch einfach, da zu landen, wir können dort vielleicht unterschlüpfen.“
Marc erhöhte noch etwas die Geschwindigkeit und rasch kam der Boden näher. Dann nahm er die Geschwindigkeit wieder zurück, denn der mögliche Landeplatz war inzwischen deutlich zu erkennen.
„Ich muss dieses komische Gefährt jetzt sofort zu Boden bringen, koste es, was es wolle“, und er betätigte entschlossen den Hebel, den er zuvor als Bremse identifiziert hatte.
Plötzlich war ein lautes Poltern an der Außenseite des Fluggerätes zu hören, die Maschine drehte sich beinahe um sich selbst, sackte ab und schlug mit einem lauten Klatschen auf sumpfigem Erdboden auf.
„Schnell raus hier“, schrie Marc, „bevor uns die Besitzer dieses Fliegers erwischen.“
Gemeinsam stürmten sie hinaus aus der Zentrale, durch einen gewundenen Gang hindurch und eine soeben aufgesprungene Luke, die sie direkt nach draußen führte. Aus einer Höhe von etwa zwei Metern sprangen sie in das feuchte Gelände hinab und rannten gemeinsam auf das Gebäude zu, das sich in geringer Entfernung vor ihnen auftürmte.
Sie erreichten gerade das Tor, als sich hinter ihnen - aus dieser Entfernung nahmen sie das Flugzeug als eine nahezu kartoffelähnliche Kugel wahr - einige Luken öffneten und eine bis an die Zähne bewaffnete Horde von fürchterlich aussehenden Gestalten sich an ihre Verfolgung machte. Marc und June erreichten schweratmend und wirklich in letzter Sekunde das Tor, das sich wie von Geisterhand bewegt vor ihnen öffnete, und sich, als sie hindurch gestürmt waren, wie von Geisterhand wieder schloss.
Sie waren gerettet!

Kapitel 4
Erklärung

Ein Familiengeheimnis wird gelüftet

Leise stiegen die drei - wenn man das seltsame Geschöpf, das aus der Brusttasche ihres Onkels hervor lugte, dazu zählte, waren sie ja sogar vier - die steile, hölzerne Treppe hinunter. Im großen Wohnzimmer mit den schwarzen Eichenmöbeln und dem Kamin, in dem noch einige Holzscheite vor sich hin glosten, fanden sie alle ein Plätzchen.
Die Kinder warteten gespannt, was der Verwandte ihnen jetzt wohl berichten würde. Der stand aber erst einmal auf und legte zwei große Scheite Buchenholz in die fast verloschene Glut, nahm den Blasebalg und fachte das Feuer wieder an. Als die Flammen zu züngeln und die Schatten geheimnisvoll an den Wänden zu tanzen begannen, setzte er sich in den alten Lehnstuhl, der wohl noch von der Ururgroßmutter herstammen mochte, und wollte zu erzählen beginnen, aber da konnte Carolyn es vor lauter Spannung schon nicht mehr länger aushalten und rief:
„Wer oder was ist denn das da in deiner Tasche?“
Hans begann zu schmunzeln und entgegnete: „Ja, ob du es glaubst oder nicht, Carolyn, der da in meiner Tasche, das ist mein Ausweis!“
Da hatte er aber etwas gesagt! Die großen Augen ärgerlich aufgerissen und mit den kleinen vierfingrigen Händen wild herumfuchtelnd, piepste das kleine Wesen los:
„Sag, was bildest du dir überhaupt ein?  Ich, ein Ausweis? Du würdest doch ohne mich überhaupt nicht zurechtkommen! Überhaupt, ich bin kein Ausweis, ich bin ein Begleiter und heiße Lanudas. Ich komme … Ach was, lass doch diesen Riesen hier erzählen, er weiß doch sowieso immer alles besser.“
Lanudas verstummte und zog sich beleidigt so weit in die Brusttasche der Jacke zurück, dass nur noch die Spitze seines Hutes daraus hervor sah.
Also räusperte sich Onkel Hans etwas umständlich und begann: „Eigentlich wollte ich ja nur das Buch holen, das ich dummerweise bei meinem letzten Durchgang liegengelassen hatte …“
Wie auf Kommando sprang Carolyn auf, lief zu ihrem Rucksack, öffnete ihn und nahm das Buch heraus, das eigenartigerweise plötzlich auf dem Dachboden vor ihren Füßen gelegen hatte.
„Vielleicht dieses hier?“, rief sie.
Onkel Hans nahm das Buch, öffnete es, murmelte so etwas wie „Falsche Seite, falsche Zeit“, klappte das Buch energisch wieder zu und begann weiterzusprechen.
„Ihr könnt vieles vom Vergangenen ja nicht wissen und deshalb möchte ich euch jetzt etwas über das Buch und eure Vorfahren mütterlicherseits erzählen.
Ihr erinnert euch bestimmt nicht mehr, ihr wart noch sehr klein damals, als ich während eures ersten gemeinsamen Urlaubs mit den Eltern das Haus für sie hütete. Ich nahm während dieser Zeit aus Langeweile einige kleinere Reparaturen vor und versuchte auch, auf dem Dachboden etwas Ordnung zu schaffen. Dabei öffnete ich einen der alten schwarzen Eichenschränke, und es war, als spränge mir das Buch plötzlich von selbst in die Hand. Dabei öffnete es sich und Lanudas fiel mir direkt vor die Füße. Ich erschrak, denn noch nie zuvor hatte ich solch ein kleines Wesen gesehen. Mein Erstaunen war dementsprechend groß.
Nun war es vorbei mit dem Aufräumen, denn Lanudas hatte mir aus Dankbarkeit, weil ich ihn aus dem Buch befreit hatte, eine Menge zu berichten. Und so erfuhr ich, dass seit Urzeiten die Frauen in unserer Familie Reisende zwischen den Welten waren und dies auch heute noch sind. Das erklärt auch“, richtete der Bruder ihrer Mutter das Wort jetzt an Carolyn, „dass das Buch plötzlich ausgerechnet vor dir auf dem Boden lag. Du wirst wahrscheinlich ebenfalls eine Reisende sein, so wie deine Mutter, die sich allerdings bisher nur einmal auf ein solches Abenteuer eingelassen hat. Da das Buch dich auserwählte, wirst du wohl ihre Nachfolgerin werden.“
„Und was ist mit mir?“, fragte Tom. „Wieso habe ich im Spiegel, als ich hindurchsah, so viele seltsame Dinge wahrgenommen, erst so etwas wie das Mittelalter und dann eine hypermoderne Stadt. Wenn du nicht gekommen wärst, in welchem Land und in welcher Zeit wären wir wohl gelandet und wo hätten wir Hilfe erwarten können, wenn wir uns auf den Weg gemacht hätten? Es sind doch unterschiedliche Länder, und eigentlich müssten es auch unterschiedliche Zeiten sein, oder etwa nicht?“
„Ja, das mit den Zeiten ist richtig“, erwiderte ihr Onkel mit einem Lächeln. „Aber das Buch ist das Wichtigste von allem. Es gibt in diesem Buch viele Hinweise auf Frauen, aber nur wenige Hinweise auf Männer. Ich fand dort beispielsweise meinen Namen in Runenschrift vermerkt und ich denke, auch ein Tom und eine Carolyn sollten dort zu finden sein. Die Männer, deren Namen im Buch aufscheinen, können die fremden Welten ebenfalls sehen, so wie du es vorhin durch den Spiegel vermochtest.“
„Und was hat Lanudas damit zu tun?“, wollte Carolyn wissen.
„Er präsentierte mir den Spiegel, den deine Mutter wohlweislich mit einem großen schwarzen Tuch verhüllt hatte, und zeigte mir, wie dieser Übergang in eine andere Welt und in eine andere Zeit genutzt werden kann.“
Das Feuer im Kamin war längst heruntergebrannt, als Onkel Hans noch hinzufügte: „Aber genug für heute, morgen ist auch noch ein Tag. Wir gehen jetzt alle schlafen.“
Wie zu sich selbst murmelte er: „Morgen ist sowieso die bessere Zeit, heute wäre es zu gefährlich gewesen.“
Die Kinder protestierten natürlich heftig, aber Hans ließ sich nicht erweichen.
„Und wo schläfst du?“, fragte Carolyn.
„Ich gehe wieder auf den Dachboden“, antwortete ihr der Onkel.
Die Kinder standen auf, um in ihre Zimmer zu gehen; Hans verschwand, wie angekündigt, die Bodentreppe hinauf.
Als es im Haus endlich still geworden war, konnte Tom es nicht mehr länger aushalten. Er schlich, die Taschenlampe in der Hand, hinter seinem Onkel her auf den Dachboden, öffnete die alte Tür und schaute sich um. Alles war finster, nur das Licht der Taschenlampe stach wie ein heller Finger durch die Dunkelheit. Hans war verschwunden. Auch das Licht des Spiegels war erloschen.
Tom wurde es jetzt doch etwas unheimlich zumute dort oben, und auf Zehenspitzen, sich krampfhaft am Geländer festhaltend, kletterte er vorsichtig wieder hinab.
Schon bald, nachdem Tom seiner Schwester Carolyn über das, was jetzt passiert war, berichtet hatte, suchten die Kinder ihre Zimmer auf, um nach diesem aufregenden Tag noch ein wenig Ruhe zu finden.




(c) Rolf Glöckner

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Bin mal gespannt auf die Kommentare, denn vielleicht hat ja jemand die Leseprobe zu Ende gelesen. und stößt auf diese Zeilen.