Ein neuer Abschnitt sollte morgen beginnen, die Grundausbildung bei der Luftwaffe war damit beendet und zurückschauend war es erträglich gewesen. Militärische Dinge waren nur am Rande behandelt worden, mehr ging es um eine fachliche Ausbildung und Ausrichtung der neuen Rekruten.
Die große Menge der Kleidung und was der Dinge mehr waren, lagen längst auf den Lastwagen zum Transport in die neuen Standorte.
Nachdem wir den ganzen Nachmittag und Abend, nur unterbrochen vom Abendessen, die Stube geputzt und die Flure gebohnert hatten (bohnert man eigentlich Fliesen?), war jetzt der Zeitpunkt des letzten Stubendurchganges gekommen.
Drei Monate hatten wir acht unterschiedliche jungen Männer uns diesen Raum geteilt und waren gut miteinander ausgekommen, aber bevor dieser letzte, mit viel Geschrei verbundene Durchgang des Wachhabenden stattfinden würde, hatten wir gemeinsam eine Idee in die Tat umgesetzt, die, nachdem alles ruhig geworden war, für einige Verwirrung sorgen sollte.
Der Unteroffizier vom Dienst, ein richtig kleiner Schinder, würde sich sicher noch etwas einfallen lassen, um uns an unserem letzten Tag, den wir in diesem "Hotel zur rostigen Gardine" verbringen durften, wieder zu drangsalieren, er war da sehr erfinderisch und zur Abwehr hatten wir einiges aufgebaut.
Sicher würde er (mal wieder) prüfen, ob die Gardinenleisten, die die alten braunen Verdunklungsvorhänge trugen, während der Reinigung auch an ihrer Oberseite vom Staub befreit worden waren. Das hatte er minttels einer Leiter schon einmal getan, hatte mit weißen Handschuhen an den Händen über die Leiste gewischt, hatte sich dann provozierend umgedreht, über seine Hand geblasen und gefragt: "Sehen Sie mich noch?" Als Strafe durften wir dann gemeinsam die ganze Stube noch einmal säubern und konnten so nicht zeitig ins Wochenende fahren. So ein Teufel!
Das sollte heute nicht passieren und so hatten wir zur Vorbeugung beide Gardinenleisten von oben mit Tapetenstiften gespickt. Sollte er nur darüber streichen, er würde schon sehen!
Und dann war es so weit! Es wurde gepfiffen, die Stubentür wurde aufgerissen und da stand unser Quälgeist. Aufgeregt waren wir schon und angetreten waren wir auch, was sollte da eigentlich noch passieren?
Der Stubenälteste machte die vorgeschriebene Meldung. Jetzt nahm der UvD die Leiter vom Flur, stellte sie vor das Fenster, stieg hinauf und wischte mit einer eleganten Handbewegung kräftig über die Gardinenleiste, verzog schmerzlich das Gesicht, kräuselte die Stirn, schaute auf seine Hand, schüttelte den Kopf, sagte aber nichts, obwohl der weiße Handschuh in Fetzen von seiner Hand herabhing und aus einigen Fingern das Blut tropfte. Mürrisch und mit Falten auf der Stirn brachte er den Stubendurchgang zu Ende und verliess die Stube. Kurz darauf wurde noch einmal gepfiffen, die Nachtruhe war angeordnet.
So, jetzt noch etwa eine Viertelstunde Ruhe geben, dann sollte es soweit sein. Wir hatten auf einem Spind ein Tonbandgerät mit einem Micro installiert und diesen ganzen Vorgang, eine ganze Kompanie ins Bett zu bringen, aufgenommen und das wollten wir jetzt wieder abspielen.
Inzwischen war alles totenstill geworden, das Ticken des Weckers im Zimmer klang extrem laut und dann drückte einer von uns den Startknopf des Tonbandes.
Der Pfiff (wir hatten natürlich auch zwei Boxen untergebracht), der dann ertönte und eigentlich den Stubendurchgang einleitete, war laut und schrill im ganzen Kasernengebäude zu hören. Auch die Stimme des Wachhabenden war nicht zu überhören.
In den Stuben nebenan brach der Tumult los, alles sprang zum erneuten Antreten aus den Betten, wenig später taucht der Unteroffizier vom Dienst, ziemlich verstört schauend, auf und forderte Ruhe. Offensichtlich handele es sich um einen Scherz. Das glaubte ihm so recht keiner und so war die Nacht ziemlich unruhig und mit viel Lauferei verbunden. Wir hatten unseren Spaß, schliefen noch ein wenig und am nächsten Morgen ging es in die Busse, die uns zu den neuen Standorten bringen sollten. Alle Stubenkameraden begleiteten mich nach Oldenburg, dort würden wir auf dem Fliegerhorst im Flugbetrieb und in der Flugsicherung mitarbeiten, eine, wie sich später herausstellte, äußerst interessante Aufgabe, auf die wir ja schon während der Grundausbildung, nur wenig Dienst im Gelände, fachlich vorbereitet worden waren.
Die Zeit und die Aufgaben, verbunden mit Schichtdienst, aber auch viel Freizeit, habe ich genossen und wäre ich zu dem Zeitpunkt nicht schon so intensiv mit der Datenverarbeitung in Kontakt gewesen, wer weiß, vielleicht wäre ich geblieben.
Bei diesen Soldaten und auf dieser Dienststelle habe ich mich sehr wohl gefühlt.
(c) Rolf Glöckner

































