Spiegelwelten
Die zwölf Bücher
Ein
Fantasyroman von
Rolf
Glöckner
Leseprobe
Kapitel 1
Der alte
Boden
Der Abend
schlich dahin.
Im alten Gebäude war es ruhig, nur das gelegentliche
Knacken des Dachgebälks und das Rauschen der Blätter der großen Pappeln draußen
am Graben, der den Garten abschloss, waren zu hören. Im angrenzenden Buchenwald
spielte der Wind mit den Zweigen und trug mannigfaltige Geräusche und Tierlaute
zum Haus hinüber.
Die Kinder Carolyn und Tom lagen in Toms kleinem,
gemütlichem Zimmer auf dem uralten Perserteppich und schmökerten in Büchern,
die sie vor noch gar nicht langer Zeit auf dem Speicher gefunden hatten. Plötzlich
erschütterte ein lauter Knall, vom Dachboden ausgehend, das Haus in seinen
Grundfesten.
Tom, ein Junge von etwa vierzehn Jahren, für sein
Alter relativ groß, mit kurzem, wirbeligem, blondem Haar, schaute überrascht
auf. Auch seine Schwester, ein wenig jünger als er und ebenfalls blond, aber langhaarig, fuhr von ihrer Lektüre, in
die sie gerade vertieft war, erschrocken hoch.
Den Kindern war aufgrund dieses Lärms ein wenig
unwohl. Ihre Eltern hatten ihnen, als sie gemeinsam das Haus verließen, mitgeteilt,
dass sie alte Bekannte besuchen wollten und es aus diesem Grund spät werden
könne, bis sie wieder zurückkämen. Nun fühlten sich die Geschwister ein
bisschen allein und Carolyn fragte ihren Bruder ängstlich: „Was war denn das
eben?“
„Ach, da werden wir wohl vorhin beim Bücherkramen
etwas unvorsichtig gewesen sein. Es ist wahrscheinlich auf dem Speicher
irgendetwas umgefallen, das wir zuvor aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Wir
können ja mal gemeinsam hinaufgehen, nachschauen und es wieder richtig
hinstellen, damit die Eltern nicht schimpfen, falls sie bemerken, dass wir oben
gestöbert haben. Du weißt, sie mögen nicht, dass wir allein auf dem Dachboden
herumwühlen“, antwortete Tom und fuhr, fast wie zu sich selbst, nachdenklich
fort: „Manchmal denke ich wirklich, sie haben irgendetwas zu verbergen.“
Tom war sich sicher, dass die Eltern nicht
einverstanden waren, wenn sie sich in deren Abwesenheit dort aufhielten. Ihr
Vater hatte dazu sehr deutliche Worte verlauten lassen. Allerdings bestätigte das
Tom wieder in seiner Ansicht, auf dem Speicher sei unter Umständen etwas
Geheimnisvolles versteckt, und manchmal glaubte er sogar, dass auf dem alten
Hausboden nicht alles mit rechten Dingen zugehe.
Beispielsweise waren seine Mutter und sein Vater einmal
gemeinsam hinaufgestiegen, aber schon nach kurzer Zeit vollkommen anders
bekleidet wieder heruntergekommen. Das war doch wirklich äußerst seltsam! Was
dort oben wohl vor sich gegangen war? Auf Nachfragen der Kinder antworteten die
Eltern aber nur sehr ausweichend und erklärten auch mit keinem Wort ihre
unterschiedliche Kleidung.
„Na ja, gehen wir eben einmal nachsehen“, antwortete
Carolyn widerstrebend, obwohl ihr überhaupt nicht wohl bei dieser Angelegenheit
war. Sie mochte nämlich den alten Speicher mit seinen dunklen Ecken und auch
die knarrende alte Holztreppe, die steil ins Dunkel führte, nicht sonderlich.
Vorsichtig, fast auf Zehenspitzen und möglichst ohne
irgendwelche Geräusche zu verursachen, stiegen die Kinder die steile, alte
Bodentreppe hinauf und öffneten die mit rostigen eisernen Bändern beschlagene
Tür. Diese schwang knarrend auf und die Geschwister tauchten ein in das Dunkel
des alten, staubigen und mit Spinnweben durchzogenen Raumes. Dieser war bis in
den letzten Winkel vollgefüllt mit Kisten, Sperrmüll und was man sonst noch auf
einem Boden zu deponieren pflegt.
Ein seltsames Licht entströmte dem hinteren Bereich
des Speichers.
Dort, von wo aus das Licht herüber schien, hatten ihre
Eltern eine Menge alter Möbel und anderes Gerümpel abgestellt, die in der
Mehrzahl wohl noch aus der Zeit der Ururgroßmutter stammten. Aus Erzählungen
ihrer Großmutter wussten die Kinder von recht absonderlichen und
geheimnisvollen Gerüchten um diese merkwürdige, schon lang verstorbene Ahne.
Manche Menschen, die einige der so unglaublich erscheinenden Geschichten von
ihren Vorfahren erzählt bekommen hatten, munkelten sogar, sie sei einmal eine
in ihren Kreisen sehr geachtete weiße Hexe gewesen.
Den Kindern war es nicht ganz geheuer, aber sie
bewegten sich beide tapfer auf das Licht zu, das in der Dunkelheit des
Dachbodens vor sich hin zu wallen schien. Mit einem Mal vernahmen sie ein
trippelndes Geräusch hinter sich. Eine Maus, die bestimmt auf dem Speicher zu
Hause war und sich von den Kindern erschreckt fühlte, lief in Richtung des
Lichtes, das aus einem großen alten Spiegel hervortrat. Sie sprang direkt in
das merkwürdige Licht hinein und war, verbunden mit einem leisen Geräusch, urplötzlich
verschwunden.
„Was war denn das?“, entfuhr es Tom.
Er näherte sich sehr vorsichtig dem hell leuchtenden
Spiegel. Im Vorbeigehen nahm Tom einen alten, knorrigen Stock, der an einem der
Schränke lehnte, in die Hand und berührte mit diesem vorsichtig die wie Glas
erscheinende Oberfläche.
Nichts geschah! Die Spitze des Stockes verschwand
vollständig und ohne jeden Widerstand in dem aufwallenden Licht!
Wie merkwürdig!
Carolyn schrie unvermittelt auf, als Tom, mutig wie er
in seinem jugendlichen Alter war, seinen Kopf mitten in dieses Licht
hineinsteckte.
„Halt, Tom, du weißt ja gar nicht, was auf der anderen
Seite auf dich wartet. Vielleicht ist es gefährlich, sei doch bitte
vorsichtig!“
Tom wedelte wild mit den Armen, sein Kopf blieb aber
vorerst noch verschwunden. Dann, nach einer geraumen Zeit, tauchte der obere
Teil des Jungen wieder auf. Er rief
total begeistert:
„Carolyn, so schau doch nur, dahinter liegt eine
vollkommen fremdartige, geheimnisvolle Welt! Wir sollten sie uns einmal
anschauen, meinst du nicht auch? Ich sehe einen dichten Wald und inmitten
dieses Waldes befindet sich eine große, aus alten Steinen aufgetürmte Burg.
Komm doch mit, es ist sicher nicht gefährlich, alles sieht so friedlich aus
dort drüben. Das müssen wir uns einfach näher ansehen, hinter dem Licht hier
verbirgt sich, ich habe es ganz deutlich gesehen, eine neue, völlig andere
Umgebung! Das ist doch sicher wahnsinnig spannend! Die Maus ist ja vorhin auch
dorthin gegangen, also warum sollten ausgerechnet wir das dann nicht können?“
Kapitel 2
Die Entscheidung fällt
Vorbereitungen
Die beiden Kinder starrten sich an.
„Sollen wir wirklich?“, flüsterte Carolyn. „Wir wissen
doch überhaupt nicht, was uns dort drüben erwartet und was passiert, wenn wir
vielleicht den Rückweg nicht mehr finden. Ein wenig bange ist mir schon.“
„Ach“, meinte Tom beschwichtigend, „sei doch nicht so
ängstlich, wir werden uns für dieses Abenteuer jetzt erst einmal richtig
ausrüsten. Wir müssen wohl eine ganze Menge einpacken, eine Taschenlampe,
Taschenmesser, eine Regenhaut, einen Rucksack und, und, und, und ...“
Tom geriet ins Aufzählen all der vielen Dinge, die er
auf die Reise mitzunehmen gedachte, worauf Carolyn laut zu lachen begann und
fragte: „Aber wer, glaubst du, soll denn das alles tragen?“
Tom, der stets praktisch dachte und handelte,
antwortete rasch: „Jeder nimmt einen Rucksack, oh, und vielleicht auch ein
Seil, falls wir irgendwo klettern müssen, sowie eine Wurst, Brot, eine große
Flasche Wasser und etwas Süßes.“
„Und festes Schuhwerk und warme Kleidung“, fügte
Carolyn aufgeregt hinzu. „Also, lass uns schnell nach unten gehen und alles
einpacken.“
Eilig verließen sie den unheimlichen Ort und stiegen
wieder die dunkle, laut knarrende Stiege hinunter, um alles das, was sie
gedachten, mitzunehmen und in ihre Rucksäcke zu packen. Als alles gut verstaut
war, machten sie sich, schwer beladen mit ihrem Gepäck, auf den Weg die alte
Treppe hinauf und betraten, nun doch mit reichlich Herzklopfen abermals den
rabenschwarzen, fast völlig dunklen Dachboden.
Das irisierende Licht aus dem Spiegel erhellte jetzt
nur ganz schwach den hinteren Teil des Raumes. Während sie beide auf das Licht
zugingen, hob Carolyn ein uraltes, in Leder gebundenes Buch vom Fußboden auf,
das dort vorher noch nicht gelegen hatte, nahm ihren Rucksack von den Schultern
und verstaute das Buch sorgfältig darin.
„Warum willst du dich bloß mit dem Schmöker
abschleppen?“, fragte Tom seine Schwester erstaunt.
„Ich weiß nicht, in mir war plötzlich eine Stimme, die
mir sagte, ich solle dieses alte und auch ziemlich schwere Buch mitnehmen, es
könnte uns auf der anderen Seite des Spiegels noch von großem Nutzen sein“,
antwortete Carolyn selbst etwas verwirrt.
„Dann gehen wir jetzt endlich, und wenn es uns auf der
anderen Seite des Spiegels überhaupt nicht gefällt oder es dort zu gefährlich
wird, kehren wir sofort um, das verspreche ich dir“, beruhigte Tom Carolyn.
Dann begannen sie vorsichtig, sich dem schillernden Licht in der Ecke des
Bodens zu nähern.
Schließlich standen die Kinder direkt vor dem Spiegel.
Das Licht irisierte in den verschiedensten Farben und es kam ihnen so vor, als
wenn auch die unterschiedlichsten Geräusche zu vernehmen seien. Das Herz
klopfte Carolyn inzwischen bis zum Hals und auch Tom war unruhiger, als er
zugeben wollte.
Gefangen
Marc und June sahen sich an und waren ratlos.
„Was sagen wir jetzt den Kindern, wenn wir nicht früh
genug zurückkommen?“, fragte June ihren Mann. Der schüttelte nur den Kopf und
antwortete nichts darauf. Stattdessen begann er, die aus einem seltsamen
Material hergestellte Wand ihres Gefängnisses sorgfältig zu untersuchen.
„Wie sollen wir hier nur jemals wieder herauskommen?“,
wollte June in verzweifeltem Ton wissen.
„Geduld!“, antwortete ihr Mann. „Lass mich einmal
schauen.“
Akribisch tastete er die Wände ab und bemerkte, fast
nicht zu sehen, eine kleine unscheinbare Rille, die sich in einem Oval an der
Wand entlang zog.
„Hier ist etwas!“, stieß er aufgeregt hervor.
Marc zog ein kleines Messer, das man ihm wohl vorher
versehentlich nicht abgenommen hatte, aus der Tasche und fuhr damit vorsichtig
an der dünnen Rille entlang. Plötzlich spürte er einen kleinen Widerstand und
verstärkte den Druck des Messers noch ein wenig. Mit einem leisen Knirschen
öffnete sich nun die Wand.
Schnell versuchten beide, hineinzugreifen. June riss
ein Kissen von der Liegestatt des Raumes und presste es in den jetzt schon weit
aufklaffenden Spalt. Nun konnte sich dieser wenigstens nicht mehr so leicht
schließen. Mit aller Kraft drückten sie gemeinsam die Platte zur Seite.
„Nun könnte es gehen“, meinte Marc schließlich.
„Steigen wir hinaus, damit wir feststellen können, wo wir uns überhaupt
befinden und ob es gelingt, uns zu befreien. Uns im Schlaf einfach zu betäuben
und zu verschleppen … Da waren wir wohl doch etwas zu unvorsichtig.“
Sie gelangten in einen von diffusem Licht erfüllten
Gang, an dessen Ende sich eine Tür zu befinden schien. Gemeinsam gingen sie
darauf zu. Die Tür ließ sich ohne Schwierigkeiten öffnen.
Nachdem sie zögernd hindurchgegangen waren, fanden sie
sich in einem großen Raum wieder, der angefüllt war mit den unterschiedlichsten
Geräten, Skalen und etwas, das wie ein großes Steuerpult aussah. Marc näherte
sich dieser Stelle, um sie genauer zu inspizieren.
„June!“, rief er, „Komm bitte mal her, ich glaube, wir
befinden uns in der Luft. Von hier aus kannst du es sehen!“
Erschrocken blickten sie hinaus: Direkt vor ihnen
waren Wolkengebilde, die sich hoch auftürmten.
„Und was tun wir nun?“, wollte June endlich wissen.
„Ich versuche, dieses Pult zu verstehen, und dann will
ich versuchen, wieder zurück auf die Erde zu gelangen“, antwortete Marc. Sie
nickten sich zu.
Kapitel 3
Was passiert hier?
Überraschendes
„So, da wären wir!“, flüsterte Carolyn. „Und nun?“
„Ach“, antwortete Tom, „ganz einfach, wir steigen
jetzt durch den Spiegel und schauen uns auf der anderen Seite um, bevor wir uns
zu der Burg oder was auch immer dieses alte Gebäude sein mag, auf den Weg
machen.“
„Du solltest aber vorher noch einmal hindurchschauen,
damit wir auch sicher sind, dieses fremde Land ungefährdet betreten zu können.
Vielleicht ist es dort inzwischen ja dunkel“, wisperte Carolyn und schüttelte
sich. „Schau auch mal nach unten, wir wissen ja noch gar nicht, ob wir nicht
herunterfallen oder vielleicht sogar ein Seil brauchen, um in diese fremde Welt
hinab zu gelangen. Etwas Angst habe ich schon und wenn unsere Eltern
zurückkommen und wir dann nicht in unseren Zimmern sind, was werden sie dann
wohl denken, wo wir uns gerade aufhalten.“
Tom versuchte, Carolyn wieder etwas zu beruhigen und
meinte deshalb ganz lässig: „Wird schon nichts passieren. Ich stecke zu deiner
Beruhigung erst noch einmal den Kopf durch das Licht, bevor wir tatsächlich
durch den alten Spiegel hindurchgehen.“
Er bewegte sich auf die leuchtende Stelle zu, legte
seinen Rucksack ab, nahm die Taschenlampe in die Hand, hielt erst vorsichtig
einen Finger in das wabernde Licht des Spiegels, und als bis auf ein leichtes
Kribbeln nichts geschah, steckte er, wie er es ja schon einmal getan hatte,
seinen Kopf hindurch. Er zog ihn mit einem lauten Aufschrei jedoch sofort
wieder zurück.
„Was ist?“, fragte Carolyn nun äußerst beunruhigt.
„Das ist nicht das, was ich vorhin gesehen habe. Komm,
schau du doch einmal hindurch, und dann sag mir, was du siehst.“
„Nein“, jammerte Carolyn, „ich habe Angst, lass uns
lieber nicht alleine gehen. Was hast du denn überhaupt dort gesehen?“
„Ich sah eine Stadt, wie ich noch nie eine in meinem
Leben kennengelernt habe, mit hohen Türmen, Flugwagen, die sich zwischen den
Türmen hin und her bewegten, einem großen See am Rande der Stadt und so etwas
ähnlichem wie einen Park voll seltsamer Bäume, Pflanzen und Tiere.“
Carolyn begann zu schluchzen. „Ich habe schreckliche
Angst, lass uns lieber damit aufhören, du!“
Ein seltsam schmatzendes Geräusch unterbrach Tom, der
seiner Schwester gerade eine Antwort geben wollte. Das Licht verdunkelte sich
und eine große Gestalt stand plötzlich vor ihnen. Aus der Brusttasche der Jacke
dieser Gestalt schaute ein kleiner Kopf mit großen runden Augen hervor, der mit
piepsiger Stimme sprach:
„Ich glaube, sie haben uns und unseren Weg in die
Welten des Spiegels entdeckt!“
„Onkel Hans!“, stöhnte Carolyn auf. „Wie kommst du
denn hierher?“
Hans, ein Bruder ihrer Mutter und zugleich ein wenig
auch das schwarze Schaf der Familie, nahm sie beruhigend in den Arm, strich ihr
über den unbändigen Haarschopf und antwortete leise:
„Das ist eine lange Geschichte, Carolyn, ich glaube,
es ist an der Zeit, euch einiges davon zu erzählen. Lasst uns also nach unten
gehen. Ihr schildert mir, wie ihr den Spiegel gefunden habt, und ich werde euch
dazu einige Erklärungen liefern. Und sagt doch bitte einfach ‚Hans‘ zu mir, das
‚Onkel‘ könnt ihr getrost weglassen.“
Absturz und
Flucht
Marc vertiefte sich gelassen - um sie herum war es
vollkommen ruhig - in die Steuerung unmittelbar vor ihm. Einige der zahlreichen
Beschriftungen konnte er entziffern, andere versuchte er, so gut es ging,
wenigstens zu ergründen und dabei die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen
Instrumenten festzustellen.
„Okay“, sagte er, „dieser Hebel hier reguliert wohl
die Höhe dieses Flugkörpers; das da scheint etwas mit der Steuerung nach oben
und unten zu tun zu haben, und dieser Drehschalter reguliert offensichtlich die
Geschwindigkeit. Ich versuche es nun einfach einmal.“
Er drehte ganz langsam an dem Hebel und eine Anzeige
veränderte sich zu einer Instrumentenposition hin, die er glaubte, als Null zu
erkennen.
„Jetzt versuche ich, noch ein bisschen tiefer zu
gehen.“
Er bewegte wieder einen der Hebel. Auf einer großen
Glasplatte, die plötzlich durchsichtig wurde, konnte er jetzt nach draußen
schauen: In weiter Ferne tauchte gerade so etwas wie ein Horizont auf. Langsam
bewegte Marc den Hebel weiter und der Horizont kam näher.
„Musst du nicht auch die Geschwindigkeit etwas
drosseln, wenn du landen willst?“, fragte June.
„Ja“, erwiderte Marc, „das werde ich jetzt als
nächstes versuchen. Wenn ich diesen Hebel dort betätige, ergibt das ja unter
Umständen eine Richtungsänderung.“
Er versuchte es und langsam wanderte der Horizont
tatsächlich nach links.
„Und nun zur anderen Seite, das scheint ja
glücklicherweise sehr einfach zu sein. Nun versuchen wir zu landen.“
Konzentriert bewegte er die Hebel und Drehschalter,
als June plötzlich ausrief: „Hier waren wir doch schon einmal! Das ist die Burg
dieser beiden komischen Vögel. Versuche doch einfach, da zu landen, wir können
dort vielleicht unterschlüpfen.“
Marc erhöhte noch etwas die Geschwindigkeit und rasch
kam der Boden näher. Dann nahm er die Geschwindigkeit wieder zurück, denn der
mögliche Landeplatz war inzwischen deutlich zu erkennen.
„Ich muss dieses komische Gefährt jetzt sofort zu
Boden bringen, koste es, was es wolle“, und er betätigte entschlossen den
Hebel, den er zuvor als Bremse identifiziert hatte.
Plötzlich war ein lautes Poltern an der Außenseite des
Fluggerätes zu hören, die Maschine drehte sich beinahe um sich selbst, sackte
ab und schlug mit einem lauten Klatschen auf sumpfigem Erdboden auf.
„Schnell raus hier“, schrie Marc, „bevor uns die
Besitzer dieses Fliegers erwischen.“
Gemeinsam stürmten sie hinaus aus der Zentrale, durch
einen gewundenen Gang hindurch und eine soeben aufgesprungene Luke, die sie
direkt nach draußen führte. Aus einer Höhe von etwa zwei Metern sprangen sie in
das feuchte Gelände hinab und rannten gemeinsam auf das Gebäude zu, das sich in
geringer Entfernung vor ihnen auftürmte.
Sie erreichten gerade das Tor, als sich hinter ihnen -
aus dieser Entfernung nahmen sie das Flugzeug als eine nahezu kartoffelähnliche
Kugel wahr - einige Luken öffneten und eine bis an die Zähne bewaffnete Horde
von fürchterlich aussehenden Gestalten sich an ihre Verfolgung machte. Marc und
June erreichten schweratmend und wirklich in letzter Sekunde das Tor, das sich
wie von Geisterhand bewegt vor ihnen öffnete, und sich, als sie hindurch gestürmt
waren, wie von Geisterhand wieder schloss.
Sie waren gerettet!
Kapitel 4
Erklärung
Ein Familiengeheimnis wird gelüftet
Leise stiegen die drei - wenn man das seltsame
Geschöpf, das aus der Brusttasche ihres Onkels hervor lugte, dazu zählte, waren
sie ja sogar vier - die steile, hölzerne Treppe hinunter. Im großen Wohnzimmer
mit den schwarzen Eichenmöbeln und dem Kamin, in dem noch einige Holzscheite
vor sich hin glosten, fanden sie alle ein Plätzchen.
Die Kinder warteten gespannt, was der Verwandte ihnen
jetzt wohl berichten würde. Der stand aber erst einmal auf und legte zwei große
Scheite Buchenholz in die fast verloschene Glut, nahm den Blasebalg und fachte
das Feuer wieder an. Als die Flammen zu züngeln und die Schatten geheimnisvoll
an den Wänden zu tanzen begannen, setzte er sich in den alten Lehnstuhl, der
wohl noch von der Ururgroßmutter herstammen mochte, und wollte zu erzählen
beginnen, aber da konnte Carolyn es vor lauter Spannung schon nicht mehr länger
aushalten und rief:
„Wer oder was ist denn das da in deiner Tasche?“
Hans begann zu schmunzeln und entgegnete: „Ja, ob du
es glaubst oder nicht, Carolyn, der da in meiner Tasche, das ist mein Ausweis!“
Da hatte er aber etwas gesagt! Die großen Augen
ärgerlich aufgerissen und mit den kleinen vierfingrigen Händen wild
herumfuchtelnd, piepste das kleine Wesen los:
„Sag, was bildest du dir überhaupt ein? Ich, ein Ausweis? Du würdest doch ohne mich
überhaupt nicht zurechtkommen! Überhaupt, ich bin kein Ausweis, ich bin ein
Begleiter und heiße Lanudas. Ich komme … Ach was, lass doch diesen Riesen hier
erzählen, er weiß doch sowieso immer alles besser.“
Lanudas verstummte und zog sich beleidigt so weit in
die Brusttasche der Jacke zurück, dass nur noch die Spitze seines Hutes daraus
hervor sah.
Also räusperte sich Onkel Hans etwas umständlich und
begann: „Eigentlich wollte ich ja nur das Buch holen, das ich dummerweise bei
meinem letzten Durchgang liegengelassen hatte …“
Wie auf Kommando sprang Carolyn auf, lief zu ihrem
Rucksack, öffnete ihn und nahm das Buch heraus, das eigenartigerweise plötzlich
auf dem Dachboden vor ihren Füßen gelegen hatte.
„Vielleicht dieses hier?“, rief sie.
Onkel Hans nahm das Buch, öffnete es, murmelte so
etwas wie „Falsche Seite, falsche Zeit“, klappte das Buch energisch wieder zu
und begann weiterzusprechen.
„Ihr könnt vieles vom Vergangenen ja nicht wissen und
deshalb möchte ich euch jetzt etwas über das Buch und eure Vorfahren
mütterlicherseits erzählen.
Ihr erinnert euch bestimmt nicht mehr, ihr wart noch
sehr klein damals, als ich während eures ersten gemeinsamen Urlaubs mit den
Eltern das Haus für sie hütete. Ich nahm während dieser Zeit aus Langeweile
einige kleinere Reparaturen vor und versuchte auch, auf dem Dachboden etwas
Ordnung zu schaffen. Dabei öffnete ich einen der alten schwarzen
Eichenschränke, und es war, als spränge mir das Buch plötzlich von selbst in
die Hand. Dabei öffnete es sich und Lanudas fiel mir direkt vor die Füße. Ich
erschrak, denn noch nie zuvor hatte ich solch ein kleines Wesen gesehen. Mein
Erstaunen war dementsprechend groß.
Nun war es vorbei mit dem Aufräumen, denn Lanudas
hatte mir aus Dankbarkeit, weil ich ihn aus dem Buch befreit hatte, eine Menge
zu berichten. Und so erfuhr ich, dass seit Urzeiten die Frauen in unserer
Familie Reisende zwischen den Welten waren und dies auch heute noch sind. Das
erklärt auch“, richtete der Bruder ihrer Mutter das Wort jetzt an Carolyn,
„dass das Buch plötzlich ausgerechnet vor dir auf dem Boden lag. Du wirst
wahrscheinlich ebenfalls eine Reisende sein, so wie deine Mutter, die sich
allerdings bisher nur einmal auf ein solches Abenteuer eingelassen hat. Da das
Buch dich auserwählte, wirst du wohl ihre Nachfolgerin werden.“
„Und was ist mit mir?“, fragte Tom. „Wieso habe ich im
Spiegel, als ich hindurchsah, so viele seltsame Dinge wahrgenommen, erst so
etwas wie das Mittelalter und dann eine hypermoderne Stadt. Wenn du nicht
gekommen wärst, in welchem Land und in welcher Zeit wären wir wohl gelandet und
wo hätten wir Hilfe erwarten können, wenn wir uns auf den Weg gemacht hätten?
Es sind doch unterschiedliche Länder, und eigentlich müssten es auch
unterschiedliche Zeiten sein, oder etwa nicht?“
„Ja, das mit den Zeiten ist richtig“, erwiderte ihr
Onkel mit einem Lächeln. „Aber das Buch ist das Wichtigste von allem. Es gibt
in diesem Buch viele Hinweise auf Frauen, aber nur wenige Hinweise auf Männer.
Ich fand dort beispielsweise meinen Namen in Runenschrift vermerkt und ich denke,
auch ein Tom und eine Carolyn sollten dort zu finden sein. Die Männer, deren
Namen im Buch aufscheinen, können die fremden Welten ebenfalls sehen, so wie du
es vorhin durch den Spiegel vermochtest.“
„Und was hat Lanudas damit zu tun?“, wollte Carolyn wissen.
„Er präsentierte mir den Spiegel, den deine Mutter
wohlweislich mit einem großen schwarzen Tuch verhüllt hatte, und zeigte mir,
wie dieser Übergang in eine andere Welt und in eine andere Zeit genutzt werden
kann.“
Das Feuer im Kamin war längst heruntergebrannt, als
Onkel Hans noch hinzufügte: „Aber genug für heute, morgen ist auch noch ein
Tag. Wir gehen jetzt alle schlafen.“
Wie zu sich selbst murmelte er: „Morgen ist sowieso
die bessere Zeit, heute wäre es zu gefährlich gewesen.“
Die Kinder protestierten natürlich heftig, aber Hans
ließ sich nicht erweichen.
„Und wo schläfst du?“, fragte Carolyn.
„Ich gehe wieder auf den Dachboden“, antwortete ihr
der Onkel.
Die Kinder standen auf, um in ihre Zimmer zu gehen;
Hans verschwand, wie angekündigt, die Bodentreppe hinauf.
Als es im Haus endlich still geworden war, konnte Tom
es nicht mehr länger aushalten. Er schlich, die Taschenlampe in der Hand,
hinter seinem Onkel her auf den Dachboden, öffnete die alte Tür und schaute
sich um. Alles war finster, nur das Licht der Taschenlampe stach wie ein heller
Finger durch die Dunkelheit. Hans war verschwunden. Auch das Licht des Spiegels
war erloschen.
Tom wurde es jetzt doch etwas unheimlich zumute dort
oben, und auf Zehenspitzen, sich krampfhaft am Geländer festhaltend, kletterte
er vorsichtig wieder hinab.
Schon bald, nachdem Tom seiner Schwester Carolyn über
das, was jetzt passiert war, berichtet hatte, suchten die Kinder ihre Zimmer
auf, um nach diesem aufregenden Tag noch ein wenig Ruhe zu finden.
(c) Rolf Glöckner
Das ganze Buch bei mir, (Nachricht an rogohnei@gmx.de, bitte dann mit der Versandanschrift, das Buch wird kurzfristig versandt, eine Rechnung ist beigefügt mit der Bitte um Überweisung oder über meine Seite "Spiegelwelten" bei Facebook, dort klicke Einkaufen und die Seite des Salonlöwe-Verlags tut sich auf), noch 4 Exemplare "Spiegelwelten Die zwolf Bücher zu 10 € + 1€ Porto aus der ersten Auflage das EBook (Kindle) zu 6,99 € bei Amazon, Thalia, Weltbild und wo man es sonst noch findet. Zum Beispiel beim Salonlöwe-Verlag, Mainz. Sollte jemand das EBook im EPUB-Format wünschen, Nachricht an mich, es kommt eine CD, Preis 6,99 € + 1,45€ Porto)
Bin mal gespannt auf die Kommentare, denn vielleicht hat ja jemand die Leseprobe zu Ende gelesen. und stößt auf diese Zeilen.