Bücherregalzwerge
Klaus, ein Junge von elf Jahren,
für sein Alter sehr groß und kräftig, flegelte sich in seinem Zimmer auf einen
Sitzsack, um nach dem anstrengenden Schultag ein wenig zu lesen. Er griff sich
ein Buch aus dem an der Schmalwand des Zimmers stehenden Bücherregals. Langsam
kam er zur Ruhe, nachdem er auf dem Nachhauseweg wieder von einigen
Klassenkameraden gehänselt worden war. Dauernd machten sie sich über ihn
lustig. „Storch im Salat, Bohnenstange, langer Lulatsch“, das waren noch die
harmlosesten Ausdrücke, mit denen sie ihn zu beleidigen suchten. Immer wieder
ging er ihnen aus dem Weg. Er hasste seinen Nachhauseweg und war froh, sich
auch heute nicht auf einen Streit eingelassen zu haben.
Er begann zu lesen.
Nachdem er einige Seiten überflogen hatte, störte ihn ein leises, schleifendes
Geräusch. Er lauschte. Nichts zu hören. Er vertiefte sich wieder in sein Buch.
Da war es wieder, dieses merkwürdige Geräusch. Er stand auf und wollte
feststellen, woher denn diese Laute kamen. Da sah er es! In seinem Bücherregal
bewegte sich etwas! Bücher wurden ganz langsam an den vorderen Rand des
Regalbrettes geschoben, vom linken Rand des Regals ausgehend.
Vorsichtig, den Atem
anhaltend, bewegte sich Klaus auf sein Bücherregal zu, postierte sich am
rechten Rand und als ihn das Bücherverschieben fast erreicht hatte, zog er das
vorletzte Buch heraus und sein Blick war frei auf ein kleines Wesen, angetan
mit einer blauen Jacke, einer schwarzen Hose, kleinen schwarzen Stiefeln und
auf dem Kopf trug es eine Zipfelmütze.
Ein Zwerg, in seinem
Bücherregal wohnte ein Zwerg, das gab es doch nicht! Beherzt griff er zu, doch
der kleine Mann verschwand mit trippelnden Schritten hinter den Büchern. Ich
werde dich schon kriegen, dachte Klaus und nahm weiter links ein Buch heraus,
ließ es zu Boden fallen und versperrte dem Zwerg mit seiner Hand den Weg.
Nun begann er,
beruhigend zu sprechen. „Komm hervor, ich werde dir nichts tun, ich bin nur so
überrascht, dass solche wie du in meinem Bücherregal leben, nun zeige dich
schon!“ Eine piepsige Stimme kam hinter den Büchern hervor: „Auch wirklich
nicht?“ „Nein“, antwortete Klaus, „wirklich nicht!“. Ein Buch bewegte sich nach
vorn, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich und zwischen den Büchern
stand er, ein richtiger Zwerg.
Der kleine Mann
sprach mit seiner piepsigen Stimme: „Wir wohnen schon lange hier, es wurde erst
schwierig, als das Regal aufgebaut wurde, wir mussten uns hinter den Büchern
entlang quälen, um unseren Ausgang in die Draußenwelt zu erreichen. Soll ich es
Dir etwas zeigen?“ Klaus nickte erstaunt. Die Zipfelmütze verschwand für einen
Augenblick, an der Wand hinter dem Zwerg blitze es kurz auf und es entstand,
deutlich sichtbar, eine Tür. Der Zwerg stieß mit seinem spitzen Finger in ein
Schlüsselloch und die kleine Tür öffnete sich. Dahinter tat sich ein Raum auf,
mit kleinen Möbeln ausgestattet und darin saßen, um einen Tisch versammelt,
eine Zwergenfrau und drei winzige Zwergenkinder. Klaus schaute hinein und sagte
leise: „Guten Tag zusammen, ich habe ja nicht gewusst, was sich in der Wand
hinter meinen Büchern an Wundersamen verbirgt. Niemals würde ich davon erzählen,
es soll für uns ein Geheimnis bleiben, dass verspreche ich! Außerdem würde mir
ja doch niemand glauben, denn Zwerge, sie gibt es ja nur in Märchen und nicht
in der Wirklichkeit!“
Der Zwergenmann
wandte sich Klaus zu und sagte: „Wenn du uns das versprichst, können wir dir
helfen, denn wir Zwerge verfügen über Zauberkräfte, die dir bestimmt von Nutzen
sein können. Also, wenn du unsere Hilfe benötigst, nimm das eine Buch, hinter
dem sich der Eingang zu unserer Wohnung befindet, heraus und klopfe an die
Wand, ich komme heraus, mir deine Wünsche anzuhören und nun stelle das Buch
wieder ins Regal, wir möchten jetzt ungestört zu Abend essen.“ Er lächelte
Klaus aufmunternd zu, schloss die Tür und die Öffnung verschwand. Nur die normale
Wand war noch zu sehen. Seltsam, das alles! Klaus, ziemlich verwirrt, hob das
Buch vom Boden auf und schloss die Lücke im Bücherregal.
Der Junge setzte sich
auf seinen Sitzsack und dachte nach. Wobei sollten ihm die Zwerge denn helfen?
Ihm ging es gut, nur die Schule, besonders der Schulweg, da gab es etwas. Lange
überlegte er und dann hatte er plötzlich eine Idee. Die ihn ständig hänselnden
Mitschüler, die hätten wohl eine Strafe verdient, man sollte ihnen ihre
Bösartigkeiten heimzahlen. Sein Plan nahm Gestalt an.
Seine Idee, wie der
zauberkundige Zwerg ihm helfen könnte, ließ ihn nicht los und nach dem
Abendessen ging er hinauf in sein Zimmer. Sollte er den Zwerg wirklich um Hilfe
bitten? Etwas böse war die Idee schon, aber den Quälgeistern geschah es recht,
nein, es sollte geschehen, gleich morgen. Zögernd ging er auf das Bücherregal
zu, nahm das Buch heraus und klopfte mit dem Zeigefinger ganz vorsichtig an die
Wand.
Die Tür zur
Zwergenwohnung öffnete sich. Der kleine Mann trat heraus, legte seinen Kopf in
den Nacken und sah Klaus abwartend an. Der stotterte los: „Herr Zwerg, ich
würde gern auf deine Hilfe zurückgreifen, ich bin Klaus.“ Der Zwerg antwortete
ihm: „Ich bin Tanuck und nun sage mir, was ich für dich tun kann.“ Klaus
berichtete von dem, was ihm fast jeden Tag auf dem Nachhauseweg passierte und
wie ihn das ständige Anmachen bedrückte.
Tanuck schüttelte
abwägend seinen kleinen Kopf und die Zipfelmütze hüpfte auf und ab. „Ich
wüsste, was ich für dich tun könnte, du musst mir nur sagen, wann dein
Unterricht beendet sein wird und du dich auf den Heimweg machst. Rufe dreimal
meinen Namen und ich werde bei dir sein. Wenn du möchtest, gleich morgen, da
habe ich genügend Zeit.“ Klaus schaute ihn erstaunt an. „Und was wird dann
geschehen?“, fragte er seinen Gegenüber. „Lass dich überraschen.“, antwortete
dieser.“
Dann verschwand er in
seiner Tür und die Wand schloss sich spurlos. Am nächsten Morgen griff Klaus aufgeregt
seinen Rucksack und machte sich auf den Weg in die Schule. Heute war nicht sein
Tag und so war er froh, als es klingelte und die letzte Stunde zu Ende war. Er machte sich auf den Heimweg.
Und es geschah, was
immer geschah! Die vier Quälgeister begannen auch heute wieder, ihn mit ihren
dummen Sprüchen zu nerven. „Langer, wie ist die Luft da oben? Riesenbaby,
Lulatsch und noch viele andere böse Wörter musste er sich anhören Da riss ihm
der Geduldsfaden und er rief: „Tanuck, Tanuck, Tanuck!“ Kaum war sein Ruf verhallt, da schoss ein
Blitz vom Himmel, traf den ersten der Bösewichte, sprang auf den Zweiten, den
Dritten und den Vierten. Eine merkwürdige Änderung ging mit ihnen vor. Sie
wuchsen und wuchsen, wurden dabei pfahldünn und schon bald überragten sie den
Kirchturm des Dorfes. Dieser Zustand hielt einige Minuten an, dann nahmen sie
mit einem lauten Knall wieder ihre normale Gestalt an.
Angstvoll schauten
sie auf Klaus, dann drehten sie sich, wie vom Teufel verfolgt, um und rannten
davon, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Klaus hörte eine leise Stimme
und dann sah er ihn, den kleinen Zwerg! Er saß auf einer Bank am Wegesrand,
winkte ihm zu und in einem flirren war er verschwunden. Klaus ging heim und
behielt alle Geheimnisse für sich, obwohl später im Dorf Gerüchte umliefen,
etwas Sonderbares hätte sich ereignet. Der Junge aber lachte nur und im Stillen
dankte er seinem Zwergenfreund für die Hilfe, denn er hatte seinen Quälgeistern
eine Lehre erteilt.
Doch so oft er auch
an die Wand klopfte, nie sah er seinen Zwergenfreund wieder.
© Rolf Glöckner