Freitag, 14. Juni 2013

Bücherregalzwerge


Bücherregalzwerge

Klaus, ein Junge von elf Jahren, für sein Alter sehr groß und kräftig, flegelte sich in seinem Zimmer auf einen Sitzsack, um nach dem anstrengenden Schultag ein wenig zu lesen. Er griff sich ein Buch aus dem an der Schmalwand des Zimmers stehenden Bücherregals. Langsam kam er zur Ruhe, nachdem er auf dem Nachhauseweg wieder von einigen Klassenkameraden gehänselt worden war. Dauernd machten sie sich über ihn lustig. „Storch im Salat, Bohnenstange, langer Lulatsch“, das waren noch die harmlosesten Ausdrücke, mit denen sie ihn zu beleidigen suchten. Immer wieder ging er ihnen aus dem Weg. Er hasste seinen Nachhauseweg und war froh, sich auch heute nicht auf einen Streit eingelassen zu haben.

Er begann zu lesen. Nachdem er einige Seiten überflogen hatte, störte ihn ein leises, schleifendes Geräusch. Er lauschte. Nichts zu hören. Er vertiefte sich wieder in sein Buch. Da war es wieder, dieses merkwürdige Geräusch. Er stand auf und wollte feststellen, woher denn diese Laute kamen. Da sah er es! In seinem Bücherregal bewegte sich etwas! Bücher wurden ganz langsam an den vorderen Rand des Regalbrettes geschoben, vom linken Rand des Regals ausgehend.

Vorsichtig, den Atem anhaltend, bewegte sich Klaus auf sein Bücherregal zu, postierte sich am rechten Rand und als ihn das Bücherverschieben fast erreicht hatte, zog er das vorletzte Buch heraus und sein Blick war frei auf ein kleines Wesen, angetan mit einer blauen Jacke, einer schwarzen Hose, kleinen schwarzen Stiefeln und auf dem Kopf trug es eine Zipfelmütze.

Ein Zwerg, in seinem Bücherregal wohnte ein Zwerg, das gab es doch nicht! Beherzt griff er zu, doch der kleine Mann verschwand mit trippelnden Schritten hinter den Büchern. Ich werde dich schon kriegen, dachte Klaus und nahm weiter links ein Buch heraus, ließ es zu Boden fallen und versperrte dem Zwerg mit seiner Hand den Weg.

Nun begann er, beruhigend zu sprechen. „Komm hervor, ich werde dir nichts tun, ich bin nur so überrascht, dass solche wie du in meinem Bücherregal leben, nun zeige dich schon!“ Eine piepsige Stimme kam hinter den Büchern hervor: „Auch wirklich nicht?“ „Nein“, antwortete Klaus, „wirklich nicht!“. Ein Buch bewegte sich nach vorn, fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich und zwischen den Büchern stand er, ein richtiger Zwerg.

Der kleine Mann sprach mit seiner piepsigen Stimme: „Wir wohnen schon lange hier, es wurde erst schwierig, als das Regal aufgebaut wurde, wir mussten uns hinter den Büchern entlang quälen, um unseren Ausgang in die Draußenwelt zu erreichen. Soll ich es Dir etwas zeigen?“ Klaus nickte erstaunt. Die Zipfelmütze verschwand für einen Augenblick, an der Wand hinter dem Zwerg blitze es kurz auf und es entstand, deutlich sichtbar, eine Tür. Der Zwerg stieß mit seinem spitzen Finger in ein Schlüsselloch und die kleine Tür öffnete sich. Dahinter tat sich ein Raum auf, mit kleinen Möbeln ausgestattet und darin saßen, um einen Tisch versammelt, eine Zwergenfrau und drei winzige Zwergenkinder. Klaus schaute hinein und sagte leise: „Guten Tag zusammen, ich habe ja nicht gewusst, was sich in der Wand hinter meinen Büchern an Wundersamen verbirgt. Niemals würde ich davon erzählen, es soll für uns ein Geheimnis bleiben, dass verspreche ich! Außerdem würde mir ja doch niemand glauben, denn Zwerge, sie gibt es ja nur in Märchen und nicht in der Wirklichkeit!“

Der Zwergenmann wandte sich Klaus zu und sagte: „Wenn du uns das versprichst, können wir dir helfen, denn wir Zwerge verfügen über Zauberkräfte, die dir bestimmt von Nutzen sein können. Also, wenn du unsere Hilfe benötigst, nimm das eine Buch, hinter dem sich der Eingang zu unserer Wohnung befindet, heraus und klopfe an die Wand, ich komme heraus, mir deine Wünsche anzuhören und nun stelle das Buch wieder ins Regal, wir möchten jetzt ungestört zu Abend essen.“ Er lächelte Klaus aufmunternd zu, schloss die Tür und die Öffnung verschwand. Nur die normale Wand war noch zu sehen. Seltsam, das alles! Klaus, ziemlich verwirrt, hob das Buch vom Boden auf und schloss die Lücke im Bücherregal.

Der Junge setzte sich auf seinen Sitzsack und dachte nach. Wobei sollten ihm die Zwerge denn helfen? Ihm ging es gut, nur die Schule, besonders der Schulweg, da gab es etwas. Lange überlegte er und dann hatte er plötzlich eine Idee. Die ihn ständig hänselnden Mitschüler, die hätten wohl eine Strafe verdient, man sollte ihnen ihre Bösartigkeiten heimzahlen. Sein Plan nahm Gestalt an.

Seine Idee, wie der zauberkundige Zwerg ihm helfen könnte, ließ ihn nicht los und nach dem Abendessen ging er hinauf in sein Zimmer. Sollte er den Zwerg wirklich um Hilfe bitten? Etwas böse war die Idee schon, aber den Quälgeistern geschah es recht, nein, es sollte geschehen, gleich morgen. Zögernd ging er auf das Bücherregal zu, nahm das Buch heraus und klopfte mit dem Zeigefinger ganz vorsichtig an die Wand.

Die Tür zur Zwergenwohnung öffnete sich. Der kleine Mann trat heraus, legte seinen Kopf in den Nacken und sah Klaus abwartend an. Der stotterte los: „Herr Zwerg, ich würde gern auf deine Hilfe zurückgreifen, ich bin Klaus.“ Der Zwerg antwortete ihm: „Ich bin Tanuck und nun sage mir, was ich für dich tun kann.“ Klaus berichtete von dem, was ihm fast jeden Tag auf dem Nachhauseweg passierte und wie ihn das ständige Anmachen bedrückte.

Tanuck schüttelte abwägend seinen kleinen Kopf und die Zipfelmütze hüpfte auf und ab. „Ich wüsste, was ich für dich tun könnte, du musst mir nur sagen, wann dein Unterricht beendet sein wird und du dich auf den Heimweg machst. Rufe dreimal meinen Namen und ich werde bei dir sein. Wenn du möchtest, gleich morgen, da habe ich genügend Zeit.“ Klaus schaute ihn erstaunt an. „Und was wird dann geschehen?“, fragte er seinen Gegenüber. „Lass dich überraschen.“, antwortete dieser.“

Dann verschwand er in seiner Tür und die Wand schloss sich spurlos. Am nächsten Morgen griff Klaus aufgeregt seinen Rucksack und machte sich auf den Weg in die Schule. Heute war nicht sein Tag und so war er froh, als es klingelte und die letzte Stunde zu Ende war. Er machte sich auf den Heimweg.

Und es geschah, was immer geschah! Die vier Quälgeister begannen auch heute wieder, ihn mit ihren dummen Sprüchen zu nerven. „Langer, wie ist die Luft da oben? Riesenbaby, Lulatsch und noch viele andere böse Wörter musste er sich anhören Da riss ihm der Geduldsfaden und er rief: „Tanuck, Tanuck, Tanuck!“  Kaum war sein Ruf verhallt, da schoss ein Blitz vom Himmel, traf den ersten der Bösewichte, sprang auf den Zweiten, den Dritten und den Vierten. Eine merkwürdige Änderung ging mit ihnen vor. Sie wuchsen und wuchsen, wurden dabei pfahldünn und schon bald überragten sie den Kirchturm des Dorfes. Dieser Zustand hielt einige Minuten an, dann nahmen sie mit einem lauten Knall wieder ihre normale Gestalt an.

Angstvoll schauten sie auf Klaus, dann drehten sie sich, wie vom Teufel verfolgt, um und rannten davon, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Klaus hörte eine leise Stimme und dann sah er ihn, den kleinen Zwerg! Er saß auf einer Bank am Wegesrand, winkte ihm zu und in einem flirren war er verschwunden. Klaus ging heim und behielt alle Geheimnisse für sich, obwohl später im Dorf Gerüchte umliefen, etwas Sonderbares hätte sich ereignet. Der Junge aber lachte nur und im Stillen dankte er seinem Zwergenfreund für die Hilfe, denn er hatte seinen Quälgeistern eine Lehre erteilt.

Doch so oft er auch an die Wand klopfte, nie sah er seinen Zwergenfreund wieder.

© Rolf Glöckner