Sonntag, 14. August 2011

Balduin und Fips

Balduin war der unumschränkte Herrscher auf dem Hühnerhof, ein stolzer Hahn vom Geschlecht der rebhunfarbigen Italiener und Fips war ein mürrischer, schon in die Jahre gekommener Spitz, der glaubte, auf dem gesamten Grundstück das Sagen zu haben und dieses auch durch Knurren und dem Aufstellen einer Rückenbürste gelegentlich zeigte.

Der Hahn Balduin aber war der Herrscher der Lüfte und von seinem Lieblingsbaum aus, dem Beschneiden der Schwungfedern, die ihn am Fliegen hindern sollten, hatte er sich immer aufs Neue entzogen, übersah er den Weg zum Haus, den großen Vorplatz und große Teile des Gartens.
Dort hocke er, wenn er nicht gerade fraß oder seinen Hahnenpflichten nachkam, wachte über alles, auch wenn es  manchmal so aussah, als schliefe er.



Das Haus war voll, die Großeltern und eine Tante mit Tochter, die in Ungarn gelebt hatten, waren bald nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, weil sie immer "deutsch" gewesen waren, von der ungarischen Regierung ausgewiesen worden.


Sie waren bei uns aufgenommen worden und warteten darauf, in eine Wohnung zu ziehen, die aber noch nicht fertig war. Zudem lebten hier die Familie mit drei Kindern, weitere Großeltern und ein Onkel. All diese Menschen waren dazu noch umgeben von allerlei Getier und darüber wachten Balduin und Fips.
Nun hatte das Mädchen, das Käthchen, sich mit einem Nachbarmädchen angefreundet und diese wollte nun zu uns kommen. Sie ging also den schmalen Weg zum Haus hinauf, Fips lag irgendwo, schlief wohl und meldete sich nicht.
Die beiden Mädchen trafen sich auf dem Hof, aber da saß ja der wachende Balduin. Er stieß ein lautes Krähen aus, erhob sich in die Luft und landete auf dem Kopf der Besucherin und begann, heftig mit den Flügeln zu schlagen. Diese schrie gellend auf, das weckte Fips auf!
So schnell er noch eben konnte, rannte er auf den Hof, erblickte eine für ihn völlig konfuse Situation und schloß daraus: "Beißen"! Das tat er und das Mädchen schrie noch mehr. Der im Hause lebende Onkel kam gelaufen und trennte die Kontrahenten. Es war nicht so schlimm geworden, wie es vielleicht im ersten Augenblick ausgesehen hatte.
Der Hundebiß, Fips war ja schon alt, hatte die Wade nicht verletzt, es gab nur eine Druckstelle, am Kopf war auch nichts zu sehen, allein der Schreck ob dieses Überfalls saß dem Mädchen noch lange in den Knochen und sie mochte lange den Hof nicht mehr betreten.
Fips bekam sein Gnadenbrot und Balduin nahm ein unrühmliches Ende. Er flog oftmals in der Gegend umher und so kam er einem Jäger vor die Flinte, der hielt ihn wohl für einen Fasanenhan und drückte ab. Als er seinen Fehler erkannte, brachte er den Leichnam zu uns und was taten wir ? Wir aßen ihn auf.

(c) Rolf Glöckner

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