Das war nicht erlaubt! Spätvorstellung! Und die begann erst um 22:30 Uhr! Am nächsten Tag in die Schule? Nein! So hörte er es oftmals von seiner Mutter! Aber die interessanten, manchmal auch schon etwas gruseligen Filme kamen doch immer erst so spät! Was also war zu tun?
Er sprach erst einmal mit seinen Freunden, von denen einige das sechzehnte Lebnesjahr schon vollendet hatten und schon mal so spät das Kino des Dorfes besuchen durften. Es wurde in einem fast konspirativen Treffen abgemacht, wie man es fertigbringen wollte, sich nach dem zu Bett geschickt werden, wieder zu treffen, ohne dabei Aufsehen zu erregen.
Der Film, der die Freunde interessierte, hieß: "Schrei, wenn der Tingler kommt" was immer auch man sich darunter vorzustellen vermochte. Man einigte sich auf ein Treffen um 22:15 Uhr am Hintereingang des Kinos. Den Vordereingang zu benutzen, erschien ihnen doch zu gefährlich, man könnte ja von regulären Besuchern erkannt werden und wenn das die Eltern erfahren würden! Es war aber noch erforderlich, den Platzanweiser, es gab nur einen in der Spätvorstellung, einzuweihen, er sollte die Gruppe durch den Hintereingang nach einem verabredeten Zeichen hereinlassen. Alles war vorbereitet, man ging seinen täglichen Verrichtungen, wie Hausaufgaben für die Schule oder Hilfsdiensten zu Hause, nach und die Aufregung stieg. Würde alles klappen? Endlich zu Bett und das Warten begann. Gegen 21:00 Uhr, es war schon dunkel, stand er vorsichtig auf, zog sich geräuschlos an, horchte noch einmal an der Tür zum Nebenzimmer, dort schnarchte sein etwas älterer Bruder und der durfte davon überhaupt nichts erfahren, er würde es sofort der Mutter brühwarm erzählen. So, nun das Fenster geöffnet und aufs Dach gestiegen waren eins. Nun das Fenster noch vorsichtig anlehnen, auf Zehenspitzen übers Dach, über die breite Mauer und schon war er im Gebüsch des angrenzenden Waldes verschwunden. Nur noch querfeldein bis zur Hauptsraße des Ortes und er erreichte das Kino noch vor der Zeit. Seine Freunde, ähnlich aufgeregt wie er, waren ebenfalls schon angekommen. Der Älteste bekamm nun alles Geld, denn er mußte die Eintrittskarten holen und es klappte alles wie am Schnürchen. Am Hintereingang angekommen, bemerkten sie, dass die Tür nur angelehnt war und leise schlichen sie sich durch die schwere Samtportiere in den Kinosaal, welcher nur mäßig besetzt war. Der Platzanweiser wartete schon, zeigte auf die Reihe drei und murmelte ihnen zu: "Hier werdet ihr sitzen, aber verhaltet euch unauffällig, ich bekomme sonst Schweirigkeiten!" Bald wurde es dunkel im Kino und der Film, ein in der damaligen Zeit als Horrorfilm titulierter Streifen begann und das war sein Inhalt:
Der Pathologe Dr. Warren Chapin entdeckt, dass im Rückgrat eines jeden Menschen eine Kreatur lebt, die sich von der Angst ihres Wirtes ernährt. Fängt dieser im Zustand der Angst nicht an zu schreien, wächst die Kreatur, der so genannte „Tingler“, zu voller Lebensgröße heran, was zum Tod des Menschen führt. Bei der Autopsie einer zu Tode erschreckten Taubstummen befreit Dr. Chapin schließlich einen ausgewachsenen Tingler aus dem Körper der Frau. Der Tingler entkommt und versetzt mitunter das Publikum eines Stummfilmkinos in Angst und Schrecken.
Nachdem der Film zu Ende war, es hatte sie doch etwas und nicht nur etwas, gegruselt, machte er sich auf den Heimweg und auf diesem Weg hatte er den Eindruck, er würde von allerlei bösartigen Wesen verfolgt und so rannte er, so schnell ihn seine Füße trugen, durch den Wald, auf die Mauer, über das Dach, öffnete das angelehnte Fenster und hatte seinen Schlafplatz endlich erreicht. Aber an Schlafen war nicht zu denken, so sehr verfolgten ihn noch immer die bewegten Bilder des Films. Würde er soetwas noch einmal machen? Er wußte es nicht.
(c) Rolf Glöckner







