Sonntag, 27. November 2011

Schlachtfest

Schon seit geraumer Zeit verspürte er bei den Erwachsenen eine gewisse Hektik. Was war denn da nur wieder los? Da kam ein Mann, den er nicht kannte, mit seiner achtundneunziger Horex auf den Hof geknattert, verschwand mit den Eltern im Stall, ging dann mit ihnen in die Waschküche, schaute sich um und sprach dann irgendetwas vom 10. Januar. Das war sein Geburtstag, hatte diese Geheimnistuerei etwas damit zu tun?
Einige Tage später, Silvester war gerade vorbei und der Alltag hatte alle wieder eingeholt, bekam er einen Auftrag und der lautete, aus Osnabrück von einer Firma, die sich darauf spezialisier hatte, bestimmte Gewürze, Papierdärme und auch Schweinedärme zu holen. Ih!, Schweinedärme! Bei diesem Auftrag ging ihm allerdings ein Licht auf. Das jahrliche Schlachtfest stand bevor und das ausgerechnet an seinem Geburtstag. Mürrisch machte er sich nach der Schule auf, mit dem Bus in die Stadt zu fahren, um alles, wie aufgetragen, zu besorgen. Und es klappte vorzüglich und so war er schon frühzeitig wieder daheim.
Noch zwei Tage bis zum Schlachtfest und schon allerlei Vorbereitungen wurden getroffen. Der große Waschkessel in der Waschküche bekam den Einsatz, der sonst nur für die Wäsche verwendet wurde, das große Wasser becken, das einmal wöchentlich dem Badevergnügen diente, wurde geschrubbt, die Winde, mit der das Schwein dann hochgezogen werden sollte, wurde geprüft und allerlei Gerätschaften wurden bereitgestellt.
Und das Schwein, welches hinten noch fröhlich im Stall herumgrunzte? Es wußte von alledem nichts!
Der Tag war gekommen und schon am frühen Morgen knatterte das alte Motorrad heraan und der Man mit seiner großen Tasche ging zielstrebig in die Waschküche. Leider oder vielleicht auch besser, konnte er beim Schlachten des Schweins nicht dabeisein, er mußte erst einmal zur Schule, aber es war Samstag und er hatte nur drei Stunden Unterricht. Quälend langsam vergingen die drei Stunden aber dann machte er sich eilig auf den Heimweg.
Dort angekommen, entledigte er sich seines Tornisters und stürmte hinab zur Waschküche und da hing das Tier an dem Bügel des Drahtseiles der Winde. Es war aufgeklappt und man konnte hineinsehen, allerdings waren ja die Innereien schon lange entfernt worden und irgendwer hatte schon davon gefressen, die Hunde lagen jedenfalls ziemlich schläfrig herum.
Das Wasser in dem großen Kessel war inzwischen erhitzt worden, am Tisch war ein Fleischwolf befestigt und auch die Därme, die er geholt hatte, lagen dort. Er wußte, was jetzt kommen würde, er hatte es schon im letzten Jahr tun müssen. Ein Eimer Blut stand dort und das mußte nun gerührt werden, etwas Mehl hinzu, wieder rühren, solange, bis es verarbeitet werden sollte. Danach durfte er Wurst machen, das mochte er, also das zugeschnittene Fleisch in den Fleischwolf, die Därme auf das an der anderen Seite angebrachte Rohr aufziehen und dann gleichmäßig drehen. Die Därme füllten sich mit dem Brät, wurden abgebunden, in Teile zerschnitten und landeten dann im erhitzen Wasser des großen Kessels. Abbrühen nannte man das. Inzwischen waren in der Sommerküche neben an die ersten großen Bratentöpfe heiß genug, um Stücke von Fleisch aufzunehmen. Diese Bratenteile sollten dann morgen eingekocht und im Keller gelagert werden. Inzwischen waren auch die ersten Speckseiten und die Schinken dem Tier entnommen worden und dann kam er, der Fleischbeschauer, schrieb etwas in sein Buch, stempelte hier und stempelte dort, nahm ein Probe, die ausreichte, einer fünfköpfigen Familie einen Sonntagsbraten zu bescheren und er verschwand wieder. Und so ging es weiter und weiter, morgen würde auch noch genug zu tun sein.
Was aber wäre ein Schlachtfest ohne ein gutes Essen danach? Es war Sitte im Dorf und so kamen auch die Nachbarn, um am Schlachtfest teilzuhaben. Es gab Braten und gebratenes Mett und was der guten Dinge noch mehr auf dem Tische landete. Dazu wurde kräftiges Bier getrunken und das Schlemmen wollte kein Ende nehmen. Morgen sollte es dann weitergehen aber schon in der Nacht verspürte er ein schreckliches Grummeln und Kneifen in der Magengegend. Na, wie jedes Jahr!
Von all dem Guten Essen blieb auch in diesem Jahr der verdorbene Magen zurück, aber es war ein schöner Geburtstag und auch ein schönes Schlachtfest gewesen. In einer Woche würde es in der Nachbarschaft ein weiteres Schlachtfest geben.






Blick auf den Heimatort





(c) Rolf Glöckner

Freitag, 18. November 2011

Kasper, Kasper!

Wieder einmal war Schützenfest und die Kinder, versehen mit einigen Bons, trabten am Zugende, eine Becher in der Hand, schon etwas müde voran. Nur, was sie auf dem Schützenplatz erwartete, trieb sie an, diese Anstrengung hinter sich zu bringen.

 Bald erreichte der Zug, angeführt von einer Musikkapelle, dahinter das Königshaus in einer Kutsche, begleitet von berittenen Adjudanten und den vielen Schützen aus den Vereinen der Umgebung, den festlich geschmückten Schützenplatz.


Die Kinder wollten sofort das große Festzelt stürmen, wurden aber zurückgehalten, denn erst einmal wurde angetreten und der Vorsitzende würde eine Rede halten, oh, wie langweilig! Es wurde langweilig, es war wieder einmal die aufs Neue stotternde Rede des Vorsitzenden, die endete mit den Worten: "und wollen hoffen, das wir noch viel Nachkommen haben werden." Die Kinder sahen sich fragend an. Was sollten diese Worte denn bedeuten, oder wr das nur wieder so dahingestottert?


Jetzt, nachdem alles ausgestanden war, stürmten die Kinder ins Zelt, denn dort gab es erst einmal Kakao, soviel man wollte und riesige Berge  Butterkuchen waren auf den Tischen aufgetürmt. Nach dieser intensiven Stärkung ging man in Grüppchen, in denen sich die Freunde schnell zusammenfanden, auf Erkundungstour. Soviel wußte man: Ein Autoscooter war da, ein kleines Riesenrad (welch ein Widerrspruch in sich), Stände mit Süßigkeiten, Bratwurst und Fischbrötchen hatten ebenfalls ihren Platz gefunden.
Aber dort in der Ecke, ganz am Rand, dort stand ja noch eine kleine Bude, die wie ein kleines Theater aussah. Daneben hockte ein älterer Mann, der traurig vor sich hinblickte.
Er löste sich aus der Gruppe, ging zu dem Mann und fragte: "Warum so traurig?" Der antwortete: "Ich wurde eingeladen, meine Kasperbude für die Kinder hier aufzubauen und ihnen einige Stücke vorzuspielen und nun kommt niemand!" Er stutzte und sah zu seinen Freunden hinüber. "Das könnte man sofort ändern" sagte er und rannte zu seinen Freunden. "Los, trommelt alle zusammen, er will uns ein Stück aus seinem Kasperletheater vorführen und nur für uns ganz allein! Holt alle zusammen."  Und schon nach kurzer Zeit hockte eine große Kinderschar vor dem Kasperletheather und als der Vorhang aufging und der Kasper erschien, jubelten alle laut auf. Eine wunderschöne Vorstellung mit dem Kasper, dem Seppel, dem Polizisten, einem Krokodil, welches aussah wie ein Brett mit einem darübergezogenen Socken, einem roten Maul mit aufgemalten Zähnen, sie alle waren die Schauspieler des Stücks und als am Ende sogar noch der Teufel erschien und vom Kasper umgeworfen wurde, direkt in das aufgesperrte Maul des Krokodils, da kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Die Rufe "Kasper, Kasper" wollten nicht verhallen und gern gaben sie einen Zehner in die Sammelbüchse des nun sehr glücklichen Mannes.
Nach diesem auch spannenden Stück blieb noch genügend Zeit für eine Fahrt mit dem Autoscooter und auch eine Bratwurst mußte daran glauben. Nach der Ausgabe des letzten Bons für ein Getränk wurde es dämmrig und so gingen sie gemeinsam nach Hause.
Welch ein schöner Nachmittag war es doch gewesen und so freuten sie sich schon auf das nächste Jahr, hoffentlich würde der Kasper für sie wieder erscheinen.

(c) Rolf Glöckner