Schon seit geraumer Zeit verspürte er bei den Erwachsenen eine gewisse Hektik. Was war denn da nur wieder los? Da kam ein Mann, den er nicht kannte, mit seiner achtundneunziger Horex auf den Hof geknattert, verschwand mit den Eltern im Stall, ging dann mit ihnen in die Waschküche, schaute sich um und sprach dann irgendetwas vom 10. Januar. Das war sein Geburtstag, hatte diese Geheimnistuerei etwas damit zu tun?
Einige Tage später, Silvester war gerade vorbei und der Alltag hatte alle wieder eingeholt, bekam er einen Auftrag und der lautete, aus Osnabrück von einer Firma, die sich darauf spezialisier hatte, bestimmte Gewürze, Papierdärme und auch Schweinedärme zu holen. Ih!, Schweinedärme! Bei diesem Auftrag ging ihm allerdings ein Licht auf. Das jahrliche Schlachtfest stand bevor und das ausgerechnet an seinem Geburtstag. Mürrisch machte er sich nach der Schule auf, mit dem Bus in die Stadt zu fahren, um alles, wie aufgetragen, zu besorgen. Und es klappte vorzüglich und so war er schon frühzeitig wieder daheim.
Noch zwei Tage bis zum Schlachtfest und schon allerlei Vorbereitungen wurden getroffen. Der große Waschkessel in der Waschküche bekam den Einsatz, der sonst nur für die Wäsche verwendet wurde, das große Wasser becken, das einmal wöchentlich dem Badevergnügen diente, wurde geschrubbt, die Winde, mit der das Schwein dann hochgezogen werden sollte, wurde geprüft und allerlei Gerätschaften wurden bereitgestellt.
Und das Schwein, welches hinten noch fröhlich im Stall herumgrunzte? Es wußte von alledem nichts!
Der Tag war gekommen und schon am frühen Morgen knatterte das alte Motorrad heraan und der Man mit seiner großen Tasche ging zielstrebig in die Waschküche. Leider oder vielleicht auch besser, konnte er beim Schlachten des Schweins nicht dabeisein, er mußte erst einmal zur Schule, aber es war Samstag und er hatte nur drei Stunden Unterricht. Quälend langsam vergingen die drei Stunden aber dann machte er sich eilig auf den Heimweg.
Dort angekommen, entledigte er sich seines Tornisters und stürmte hinab zur Waschküche und da hing das Tier an dem Bügel des Drahtseiles der Winde. Es war aufgeklappt und man konnte hineinsehen, allerdings waren ja die Innereien schon lange entfernt worden und irgendwer hatte schon davon gefressen, die Hunde lagen jedenfalls ziemlich schläfrig herum.
Das Wasser in dem großen Kessel war inzwischen erhitzt worden, am Tisch war ein Fleischwolf befestigt und auch die Därme, die er geholt hatte, lagen dort. Er wußte, was jetzt kommen würde, er hatte es schon im letzten Jahr tun müssen. Ein Eimer Blut stand dort und das mußte nun gerührt werden, etwas Mehl hinzu, wieder rühren, solange, bis es verarbeitet werden sollte. Danach durfte er Wurst machen, das mochte er, also das zugeschnittene Fleisch in den Fleischwolf, die Därme auf das an der anderen Seite angebrachte Rohr aufziehen und dann gleichmäßig drehen. Die Därme füllten sich mit dem Brät, wurden abgebunden, in Teile zerschnitten und landeten dann im erhitzen Wasser des großen Kessels. Abbrühen nannte man das. Inzwischen waren in der Sommerküche neben an die ersten großen Bratentöpfe heiß genug, um Stücke von Fleisch aufzunehmen. Diese Bratenteile sollten dann morgen eingekocht und im Keller gelagert werden. Inzwischen waren auch die ersten Speckseiten und die Schinken dem Tier entnommen worden und dann kam er, der Fleischbeschauer, schrieb etwas in sein Buch, stempelte hier und stempelte dort, nahm ein Probe, die ausreichte, einer fünfköpfigen Familie einen Sonntagsbraten zu bescheren und er verschwand wieder. Und so ging es weiter und weiter, morgen würde auch noch genug zu tun sein.
Was aber wäre ein Schlachtfest ohne ein gutes Essen danach? Es war Sitte im Dorf und so kamen auch die Nachbarn, um am Schlachtfest teilzuhaben. Es gab Braten und gebratenes Mett und was der guten Dinge noch mehr auf dem Tische landete. Dazu wurde kräftiges Bier getrunken und das Schlemmen wollte kein Ende nehmen. Morgen sollte es dann weitergehen aber schon in der Nacht verspürte er ein schreckliches Grummeln und Kneifen in der Magengegend. Na, wie jedes Jahr!
Von all dem Guten Essen blieb auch in diesem Jahr der verdorbene Magen zurück, aber es war ein schöner Geburtstag und auch ein schönes Schlachtfest gewesen. In einer Woche würde es in der Nachbarschaft ein weiteres Schlachtfest geben.
Blick auf den Heimatort
(c) Rolf Glöckner
