Bruno kam ganz aufgeregt auf seinen Freund zu gesprungen. "Sie sind da, sie sind da", rief er aus, "sie sind gekommen, da müssen wir heute Nachmittag gleich hin!" "Heute noch nicht, laß sie erst einmal ihre Zelte und sonstigen Unterkünfte aufbauen, morgen dann werden wir schon bestimmt helfen können", antwortete er seinem aufgeregten Freund.
Wer war gekommen? Na, die Engländer waren zum jährlichen Reitturnier auf dem Rittergut, welches versteckt im Wald lag, angekommen. Der zweite Weltkrieg hatte es möglich gemacht. Wieso? Als die Besatzer, hier waren es die Engländer, kamen und das alte Rittergut in Beschlag nahmen, stellte sich heraus, das nicht nur die Besitzer des Gutes sonder auch der Kommandeur der englischen Einheit ausgesprochene Pferdenarren waren. Auf dem Gut wurden schon seit langem Araberpferde gezüchtet und aus dieser Zeit resultierten diese Freundschaft und die Besuche der Engländer, die zu einem großen Reitturnier ihre Pferde von der Insel mitbrachten, um auf den Reitplätzen der großen Gutsanlage ihre Reiterspiele abzuhalten.
Für die Jungen war das ein besonderes Erlebnis, einmal das alte Herrenhaus zu sehen, Pferde führen zu dürfen und bei den verschiedenen Wettbewerben zuschauen zu können.
Am nächsten Tage machten sie sich mit ihren Rädern auf den Weg. Ein großes Getümmel empfing sie, überall wurden Pferde bewegt, der Platz für das anstehende Springreiten war bereits hergerichtet und schon bald begann es, natürlich hatten die Engländer ihre Musikkapelle mitgebracht, mit einem Ummarsch und lauter Blasmusik zur Eröffnung der Veranstaltung.
Schick angezogene Menschen bewegten sich zwischen den Turnierplätzen, dem alten Herrenhaus und den beiden Torhäusern auf und ab, immer darauf bedacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Den Jungen war das egal, sie wollten nur irgendwie an der Veranstaltung beteiligt werden und dabei half ihnen ein Pferdeknecht, den sie von Besuchen auf dem Gut kannten. Er rief sie zu sich heran und verteilte Aufgaben wie Pferde führen, trocken reiben, striegeln, Wasser geben, füttern und was der Aufgaben dort mehr waren. So verging der Nachmittag wie im Fluge und als alle Arbeit getan war, gab es für jeden eine große Tafel Schokolade von einem Geschmack, wie sie ihn nur hier, nur bei diesem Reitturnier und nur bei den Engländern erfahren durften.
Die englischen Millitärs, die Veranstaltung wurde als ein Manöver getarnt, hatten auch mindestens eine Kompanie Soldaten mitgebracht, die sich in einem Waldstück niedergelassen hatten. Sie würden wohl noch etwa vierzehn Tage hier "üben", da mußten sich die Jungen noch etwas in Geduld fassen. Ja wofür denn in Geduld fassen?
Auf den Tag der Abreise der Engländer natürlich, denn dann gab es allerlei zu graben! Alles das, was die Soldaten nicht mehr zur Rückreise auf die Insel benötigten, wurde schlankweg vergraben oder einfach weggeworfen, und dass war so allerlei!
Als dann Ruhe im Wald und in der Nähes des Gutes eingekehrt war, machten sich die Freunde, bewaffnet mit allerlei Grabewerkzeug auf, um das nun verlassenen Camp der Engländer mit fast wissenschaftlicher Akribie zu durchsuchen. Und es lohnte sich wieder einmal!
Nicht nur Schokolade und Weißbrot (noch verpackt), sondern auch Kaugummi, eine Menge Dosen gefüllt mit Brennspiritus, Marmelade in Tuben, vielerlei einfach so weggeworfene Konserven und verschiedenstes Feldgeschirr wurde ausgegraben oder es lag vergessen an einem Platz, wo einmal ein großes Küchenzelt gestanden hatte. Die Eltern würden sich über die mitgebrachten Schätze freuen, war es doch für die Jungen schon etwas Besonderes, von den Ausgegrabenen und gefundenen Lebensmitteln an einem der nächsten Tage ein daraus zubereitetets Mittagessen zu Hause vorzufinden.
Schon bald waren die mitgebrachten Jutesäcke gefüllt und mit allerlei Ächzen und Stöhnen machten sich die Jungen, die Räder schwer bepackt, auf den Heimweg.
Die Militärs würden ja im nächsten Jahr bestimmt wiederkommen. Für die Jungen, die Veranstaltung fand immer zur Sommer- und Ferienzeit statt, war der Tag nach Beendigung des Manövers immer ein wenig wie Weihnachten.
Heute gibt es dieses Gut in der beschrieben Form nicht mehr und einige der Stallungen sind doch schon sehr verfallen, aber verschiedene Investoren versuchen derzeit, zu retten, was zu retten geht.
(c) Rolf Glöckner
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