Sonntag, 15. Januar 2012

Bombenalarm

        Der Zweite Weltkrieg war zu Beginn des Jahres 1945 in seine Endphase eingetreten, die auf unserem Berg stationierte Flakstellung war inzwischen verlassen. Die dort ehemals stationierten österreichischen Offiziere und Soldaten hatten die Anlage bereits geräumt und hatten sich, vielleicht nicht ganz legal, auf den Heimweg gemacht. Die dort stehenden Gebäude in einem kleinen Buchenwäldchen waren, da überwiegend Baracken, abgerissen und auf Lastwagen verladen worden. Die Bunkeranlagen, von denen gab es einige, wurden mit einer Planierraupe einfach zugeschoben. Was dort hinterlassen worden war, wussten die Anwohner der kleinen Siedlung in der Nachbarschaft nicht und so ging es darum, das einmal zu untersuchen. Der erste Teil der Geschichte behandelt die Erlebnisse meines Onkels, denn der war derjenige, der das Suchkommando angeführt hatte.
        An einer großen Bunkerstellung begannen sie zu graben, wussten sie doch, wo einstmals der Eingang gewesen war. Nachdem sie ein großes Loch geschaufelt hatten, fanden sie den Eingang, der mit einer Tür noch gesichert war. Schnell wurden die entsprechenden Werkzeuge herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit leistete die Tür keinen Widerstand mehr. Sie betraten, eine schnell angezündete Öllampe in der Hand, den ersten Raum, von dem aus noch einige Gänge in dem blakenden Licht der Lampe zu sehen waren. Und sie begannen zu suchen! Kleidung, auch einige Konserven, Flaschen mit undefinierbarem Inhalt, man würde sie später bei Licht untersuchen, allerlei Gerätschaften, Schuhe und vieles andere mehr wurde dort gefunden. Ein richtiger Schatz für die Männer. In einem weiteren Raum fanden sie mehrere große Munitionskisten. Schnell war die erste Kiste erbrochen und darin lagen, fein säuberlich aufgereiht, Granaten. Die Männer bekamen es doch mit der Angst zu tun, doch mein Onkel, immer vorneweg, drang darauf, die Granaten in ihren Kästen ans Licht zu bringen. Inzwischen würde er sich auf den Weg machen, um einen Handwagen zu holen. Gesagt getan. Mit einem inzwischen doch etwas mulmigen Gefühl wurden die Granaten auf den Handwagen verladen und ab ging die wilde Jagd, den Berg hinunter und auf die Hauptstraße. Die dörfliche Polizeiwache war ihr Ziel. Dort hielten sie, schon etwas erschöpft, ihren Handwagen an und mein Onkel verschwand in der Polizeiwache und kam nach kurzer Zeit mit dem im Ort stationierten Polizisten wieder heraus. Als dieser jedoch eine der Kisten öffnete und darin der Granaten ansichtig wurde, schrie er auf, rannte in seine Wache, die Männer hörten eine Tür knallen und sie sahen den Polizisten über das angrenzende Feld davonlaufen. Was nun tun, fragten sich die Männer, als sie hinter sich ein rumpelndes Geräusch vernahmen. Ein Militärlastwagen kam auf sie zugefahren und hielt an. Heraus stürmten einige Soldaten, umringten den Handwagen und einer der Soldaten, wohl ein höherer Dienstgrad fragte die Männer: "Woher habt ihr diese Munition?" Mein Onkel antwortete wahrheitsgemäß und bekam dafür einen Verweis zu hören. Inzwischen hatten die Soldaten die Kisten untersucht und es erhob sich ein Gelächter, welches an den Polizisten gerichtet war, der inzwischen wieder aus seiner Polizeistation lugte. "Mensch, das hättest Du aber doch erkennen können, dass es sich bei dieser Munition lediglich um Nebelgranaten handelt!"  Die Kisten wurden auf den Lastwagen geladen und die Männer zogen mit ihren nun leeren Handwagen heimwärts, nicht ohne sich über dieses Abenteuer diebisch zu freuen.

        Doch das war nur der erste Teil der Geschichte, im zweiten Teil, die viel später spielte, waren meine Freunde und auch ich an einer weiteren Grabung beteiligt.
Es begann damit, dass einer meiner Freunde, wir bauten gerade eine Bude, anfing, einen kleine Hügel in der Nähe nach Baumaterial zu untersuchen. Plötzlich gab es ein rutschendes Geräusch und er war fast zur Hälfte im Boden verschwunden. Meine Freunde und ich zogen ihn heraus und wollten nun wissen, wie so einfach hatte im Boden verschwinden können. Wir fanden einen halb verschütteten Eingang zu einem kleinen Bunker, der wohl zur Beobachtung der Lage von der ehemaligen Flakstellung eingerichtet worden war. Nach Hause rennen und noch einige Schaufeln holen war eins. Nach einiger Zeit war der Raum unter dem Eingang freigelegt und wir fanden in der Ecke des Raumes ein Paket. Schön verpackt in Stoff, darunter Ölpapier, fanden wir eine Pistole mit der dazugehörigen Munition.  Das musste ja unbedingt ausprobiert werden und da ich schon bei den Sportschützen tätig war, untersuchte ich die Pistole, entnahm das Magazin, füllte einige Patronen hinein, zielte auf den nächsten Baum und schoss. Mit einem lauten Knall entlud sich die Pistole, der Rückschlag schleuderte meine Hand nach oben und getroffen? Nein, getroffen hatte ich wohl nichts. Nach einigen weiteren Versuchen, die Freunde hatten sich ebenfalls versucht, packten wir alles wieder zusammen, verschnürten es gründlich und machten uns auf den Weg zur immer noch an der gleichen Stelle befindlichen Polizeiwache.  Dort gaben wir unser Fundstück ab. Der Polizeibeamte untersuchte das Paket, nahm die Pistole heraus, roch daran, sah uns nachdenklich an und fragte dann mit strenger Stimme: "Aber geschossen habt ihr damit nicht oder?" Ängstlich verneinten wir seine Frage. Er sah uns an, lächelte mir zu, er war ebenfalls ein Sportschütze in unserem Verein und sagte: "Na gut, dann will ich nochmal ein Auge zudrücken, aber ihr sagt mir noch, wo ihr das gefunden habt." Wir gaben ihm die gewünschte Auskunft und waren damit entlassen. Ziemlich erleichtert machten wir uns auf den Heimweg. Am nächsten Tag sahen wir an unserer Grabungsstellen einen Lastwagen mit der Aufschrift "Kampfmittelräumdienst" stehen und kurz danach war der Beobachtungsbunker erneut verfüllt und noch einmal wollten wir hier nicht mehr graben, es gab ja noch andere Stellen.
        Heute gibt es die Siedlung bis auf wenige Anwohner nicht mehr und Kenntnisse über die Hinterlassenschaft des Krieges sind wohl nicht mehr vorhanden.

Nun haben landwirtschaftliche Flächen wohl einiges dieser Flakanlage überdeckt. Im Hintergrund das damalige Klöcknerwerk



(c) Rolf Glöckner

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