Mürrisch machte er sich auf den Weg. Eigentlich hatte er dazu überhaupt keine Lust und wäre gern, besonders an diesem stürmischen Tag, daheim geblieben. Aber Pflicht war eben Pflicht und so nahm er seine Tasche, klammerte sie auf das Fahrrad, welches ihm Nachbarn, die im benachbarten Stahlwerk Dienst taten, aus Schrotteilen zusammengebaut hatten. Zuerst den Berg hinunter, hier sollte er besser vorsichtig sein, es ging sehr steil hinab. Als er den schmalen Weg unterhalb des Hanges, welcher mit Hunderten von blühenden Schwertlilien bedeckt war, erreicht hatte, stieg er auf und fuhr weiter talabwärts.
An der tiefsten Stelle zweigte ein kleiner Weg ab, der nach einigen wenigen Häusern zu seiner Lieblingsstelle an einem kleinen Bach führte. Dort stand eine uralte Trauerweide, schon teilweise ausgehöhlt und schwenkte ihre langen, mit lanzettförmigen Blättern bedeckten Zweige über dem Bach hin und her. Leider konnte er hier nicht lange verweilen und so erreichte er schon bald die Straße, die zum Ort hinführte.
Vor ihm fuhr auf einem nagelneuen Rad ein Mädchen. Er holte es ein, fuhr vorbei, drehte sich um, um sie anzusehen, bekam einen roten Kopf, als sie ihn lieb anlächelte und wäre, hätte er nicht im letzten Moment gebremst, in den neben der Straße verlaufenden Graben gefahren. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl, mit dem er nichts anfangen konnte, in sich, nahm aber allen Mut zusammen und fragte sie: "Wohin fährst Du?". Sie antwortete: "Ich gehe heute den ersten Tag in diese Schule hier, wir sind erst kürzlich hier zugezogen". Er antwortete: "Dann können wir ja zusammen hinfahren".
Gemeinsam erreichten sie die Schule und das Mädchen ging mit ihm zusammen in den Klassenraum, in welchem schon einige Schüler mehr oder weniger herumtobten. Als die Klassenlehrerin erschien, kehrte Ruhe ein. Die Lehrerin bat das Mädchen, nach vorn zu kommen und sagte: "Das ist Christine, sie wird ab sofort in Eurer Klasse sein, also benehmt Euch".
Er war mit einem Male ganz glücklich und ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Der Unterricht verging wie im Fluge und in den Pausen versuchte er immer, in ihrer Nähe zu sein.
Auf dem Heimweg schwatzten sie allerlei dummes Zeug, lachten viel und waren beide mit sich und der Welt zufrieden.
Als er nach Hause kam, bemerkte seine Mutter, dass er wohl etwas Besonderes erlebt haben müsse und fragte nach seinen Erlebnissen. Da sprudelte es aus ihm heraus, seine Augen leuchteten, er ruderte beim Erzählen mit den Armen und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Die Mutter hörte aufmerksam zu, lächelte dann und sagte: "Mir scheint, Du bist das erste Mal verliebt, aber es ist ja noch soviel Zeit in Deinem Leben". Dann strich sie ihm über den Kopf, als wolle sie ihn ein wenig trösten.
Er sah sie an und dachte: "Sie hat ja recht, ich bin ja erst sieben Jahre alt".
Aber morgen würde er Christine wiedersehen.....
(c) Rolf Glöckner


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