Es war wie immer!. Etwas Geheimnisvolles ging von der guten Stube aus. Wir Kinder durften diesen Raum am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, nicht betreten. Das dort ein Weihnachtsbaum stehen würde, dass wussten wir Kinder wohl, hatten wir doch unseren Onkel begleitet, als wir uns eine Fichte (andere Bäume außer Edeltannen für die Reichen gab es nicht für uns) aus der Schonung eines Bauern holen durften. Was aber sonst in der Stube geschah, hätten wir gern gewusst und so versuchten wir, durch das Schlüsselloch zu schauen, um etwas zu erspähen, aber leider war das Schlüsselloch verhängt. Mutter wusste schon um unsere Aufregung. Doch schon bald war es soweit. Ein kleines Glöckchen klingelte, die große Tür zum Wohnzimmer öffnete sich und wir durften hinein. Der große alte Kirschbaumtisch war wunderschön gedeckt und zuerst mussten wir uns setzen, um gemeinsam zu essen. Der Weihnachtsbaum stand in der Ecke, die Kerzen brannten noch nicht. Unter ihm allerlei kleine Päckchen und die für jeden bestimmten bunten Teller. Alle zusammen nahmen ein leckers Mahl ein ein und dann wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet. Nun durften wir anschauen, welche Geschenke unter dem Weihnachtsbaum lagen. Der alte Ofen (eine Heizung hatte das alte Haus nicht) bullerte vor sich hin und strahlte Wärme aus, als es geschah!
Die Stiefgroßmutter, schon alt, den Kopf verhüllt mit einem großen schwarzen Kopftuch, wollte den Ofen mit neuem Feuerholz füttern und öffnete die Klappe etwas zu schnell. Diese löste sich aus der Verankerung und fiel zu Boden. Der Stiefvater begann laut zu schreien und schimpfte mit unflätigen Worten mit seiner Mutter. Die begann zu kreischen und es entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn. Wir Kinder standen wie angewurzelt in der Weihnachtsstube und wussten nicht, wie uns geschah. Ich reagierte angstvoll, schnappte mir ein kleines Päckchen, welches mit meinem Namen versehen war und rannte zur Tür hinaus. Da war ja noch meine "richtige Oma", die uns immer in ihrer gemütlichen kleinen Stube aufnahm, wenn es in der Familie mal wieder brenzlig wurde.. Bei ihr war ich in Sicherheit, denn meine Oma, die ich sehr liebte, weigerte sich seit langem, an der Weihnachtsfeier teilzunehmen. Sie hatte keine Beziehung zum Stiefvater meines Bruders und mir. Sie bot mir einen Sitz an, machte sich am Herd zu schaffen und schon bald duftete es nach leckerem Kakao, den sie von ihrer Cousine aus Holland mitgebracht hatte, als sie diese Anfang Dezember besucht hatte. Dann füllte sie mir einen Becher und stellte ihn neben einen Teller mit leckeren selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen.Sie nahm ein kleines Päckchen, welches sie auf der Fensterbank deponiert hatte und gab es mir. Beruhigend strich sie mir über den Kopf, nahm ein kleines Büchlein, in dem sie sich wohl Notizen machte, und begann, eine ihrer wundersamen Geschichten zu erzählen, wie sie es immer tat, wenn sie mich beruhigen wollte. Wie schön war es doch bei ihr. Im Päckchen, welches ich schnell öffnete, befand sich ein kleines Buch und ein paar kleine Süßigkeiten. Ich sagte danke, lehnte mich zurück, trank etwas Kakao, knusperte an einem Plätzchen und genoß einen Heiligen Abend der besonderen Art.
Warum die Feier der Heiligen Nacht in unserem Hause oftmals so endeten, ich wußte den Grund nicht.
Danke an meine liebe Oma, die mich durch ihre fantasievollen Geschichten, die sie aus dem Stegreif erzählen konnte. zu dem, was ich heute tue, inspiriert hat.
Blick auf das Stahlwerk unterhalb unseres Hauses
Das Haus, in dem ich aufwuchs, gibt es noch
(c) Rolf Glöckner


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